Biotechfirma will Anfang 2003 Krebsmedikament aus Meeressubstanzen anbieten
Zeltia sucht den Erfolg im Meer

Pioniere in Spaniens Wirtschaft gibt es wenige, eine Ausnahme ist Zeltia: Die Biotechfirma erforscht Medikamente gegen Krebs - als einziges weltweit ausschließlich aus Substanzen aus der Meereswelt.

MADRID. Wenn der Chef von Spaniens größtem Pharma- und Biotechunternehmen, Zeltia S.A., die Arbeit seiner Forscher beschreibt, findet er ungewöhnliche Worte: "Goldgrube von Diamanten", nennt José María Fernández Sousa-Faro die Labore der Tochtergesellschaft Pharmamar, "und wir sind dabei, sie zu schleifen". Ende des Jahres wollen die 230 Mitarbeiter den ersten "Diamanten" fertig bearbeitet haben: ET-743, ein bislang nur der Ärztewelt bekanntes Medikament zur Krebsbehandlung, hat gute Aussichten, von der European Medical Evaluation Agency zum Verkauf in Europa genehmigt zu werden.

Zeltia drängt mit einem ungewöhnlichen Produkt auf den lukrativen Markt für Krebstherapie: Seit 1986 durchkämmt das Forscherteam um Fernández Sousa-Faro die Weltmeere nach Anti-Krebs-Substanzen und wurde fündig: Zwar steht der endgültige Erfolgsbeweis für das Meeres-Medikament - nämlich die Zulassung - noch aus. Doch geht Zeltia davon aus, bereits im nächsten Jahr das Arzneimittel vermarkten zu können.

Drei Wirkstoffe aus Meeressubstanzen werden derzeit noch an Patienten getestet. Ein vierter Wirkstoff, kündigte Fernández Sousa-Faro im Gespräch mit dem Handelsblatt an, soll noch in diesem Jahr in die klinische Phase eintreten. Analysten zeigen sich überzeugt, dass Pharmamar viel versprechende Substanzen in den Laboren verbirgt. "Zeltia ist auf gutem Weg", meint Stephen Hughes von der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein in Madrid. Er rechnet damit, dass ET-743 die Zulassung erhält: "Die Wirkstoffe gelten als sehr innovativ."

Zeltia hat über die Tochtergesellschaft Pharmamar mittlerweile 30 000 Substanzen aus dem Meer zusammengetragen und 650 Patente beantragt. Konkurrenten gibt es wenige. Pharmamar sei "Weltmarktführer bei der Suche von Anti-Krebs-Mitteln im Meer", schreibt die Deutsche Bank in einer Studie. Zudem sind die Spanier weltweit die einzigen, die ausschließlich im Meer nach brauchbaren Substanzen forschen. "Im Meer hat das Leben unseres Planeten begonnen", begründet Fernández Sousa-Faro die Strategie des Unternehmens. Die Möglichkeit, hier neue Wirkstoffe zu finden sei "150 mal größer als an Land", schätzt der 56-Jährige. Das Risiko, dass die Konkurrenz mit neuen, identisch wirkenden Medikamenten Zeltias Erfolgschancen mindern könnten, betrachtet er als "unwahrscheinlich". Anti-Krebs-Mittel existierten nebeneinander. Analysten lassen sich in ihrer Zuversicht ebenso wenig bremsen. Das Unternehmen sowie Fernández Sousa-Faro genießen einen guten Ruf.

Pionier bei der Suche nach Wirkstoffen im Meer ist der Wissenschaftler und Unternehmenslenker in Personalunion allerdings nicht: Vor Pharmamar hatte schon die Roche Holding AG ihr Glück versucht. In den 70er Jahren errichteten die Schweizer ein Forschungszentrum in Australien. Mit den damaligen technischen Möglichkeiten war die Suche aber äußerst mühsam. Folge: Roche zog sich aus dem Geschäft zurück.

Auch für Pharmamar war das Geschäft "viele Jahre schwierig", erläutert Fernández Sousa-Faro. "Wir konnten keine Geldgeber von unserem Projekt überzeugen." An Risikokapital - noch heute weniger verbreitet in Spanien als in anderen europäischen Ländern - war nicht zu denken. Pharmamar lebte dank der Erträge der Schwestergesellschaften, was später aber nicht mehr reichte. Im Jahr 2001 schaffte Zeltia (Umsatz 117 Mill. Euro, Nettogewinn 9,13 Mill. Euro) eine Kapitalerhöhung über 280 Mill. Euro - bis dahin die höchste eines europäischen Biotechunternehmens.

Analysten weisen darauf hin, dass angesehene Krebsforscher die Entwicklung von Pharmamar-Substanzen stützten. Zudem habe ein Abkommen mit dem US-Pharmaunternehmen Johnson & Johnson die Glaubwürdigkeit der Spanier gefördert. Der US-Konzern unterstützt die Forschung und Entwicklung des Krebswirkstoffs ET-743 und sicherte sich im Gegenzug das Recht, das Medikament außerhalb Europas zu verkaufen.

Für eine weiteres Medikament von Pharmamar, Aplidine, sei die Vergabe einer solchen Lizenz ebenfalls wahrscheinlich, kündigte Fernández Sousa-Faro an. Aplidine - laut Deutsche Bank "der aufgehende Star" - soll bis Anfang 2005 zugelassen werden. Beide Medikamente könnten nach Unternehmensangaben jeweils jährlich 1 Mrd. $ Umsatz bringen. Pharmamars Zeitplan ist ehrgeizig: Alle zwei Jahre soll ein neues Medikament auf den Markt gebracht werden. Schwarze Zahlen sind 2006 geplant. Dann ist auch eine Ausgliederung und der Gang an die Börse nicht ausgeschlossen.

Quelle: Handelsblatt

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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