Biotechnik
Geldquellen gesucht

Deutsche Unternehmen sind ins Schlingern geraten und flüchten jetzt in die Arme großer Pharmakonzerne.
  • 0

DÜSSELDORF. Michael Ruhl war im vergangenen Jahr einer der gefragtesten Bioforscher Deutschlands: Sein Unternehmen Cardion aus Erkrath bei Düsseldorf will mit Stammzellen eines Tages kranke Herzen und andere Organe reparieren. Wo der Kalender vor Terminen gerade noch überquoll, macht sich jetzt allerdings große Leere breit: "Ich bin seit Anfang August aus dem Unternehmen ausgeschieden", bestätigt der Biochemiker. Damit ist Ruhl einer Sparwelle zum Opfer gefallen, mit der das Unternehmen seine knappen Finanzreserven strecken will, bis neue Geldgeber gefunden sind: Nach Aussagen von Cardion-Kennern wurde vor wenigen Tagen 20 Prozent der knapp 100 Mitarbeiter gekündigt. Ein Labor in USA wird geschlossen.

Ebenso erfolglos wie Cardion versuchen zahlreiche der 365 deutschen Biotechnikunternehmen mit ihren knapp 14 500 Mitarbeitern seit Monaten ihre zweiten oder dritten Finanzierungsrunden auf die Beine zu stellen. Sogar in der Biotech-Hochburg Martinsried geht die Angst um. Dort verkündete vor vier Wochen Michael Nehls, Chef der Ingenium Pharmaceuticals, die sich der Erforschung von Mäusegenen verschrieben hat, dass etwa die Hälfte der gut 100 Mitarbeiter gehen müsse. Selbst deutsche Branchenflaggschiffe kommen ins Schlingern. Bei Medigene aus Martinsried floppte mit dem Herzmedikament Etomoxir der Hoffnungsträger und potenzielle Umsatzbringer in einer späten Phase der Entwicklung. Als Medigene nun ankündigte, die Herzforschung ganz auszugliedern, stufte die Commerzbank die Aktie prompt von Halten auf Verkaufen. Auch das Neue-Markt-Schwergewicht Qiagen ist betroffen. Als eines der wenigen bereits profitablen deutschen Biotechnikunternehmen, das mit Laborhilfsmitteln und Maschinen zur Erbgutanalyse zum Weltmarktführer aufgestiegen war, korrigierte es seine Umsatz- und Gewinnziele nach unten. Die Begründung laut Finanzchef Peer Schatz (siehe Interview Seite 56): "Die amerikanischen Pharmaunternehmen haben auf die Kostenbremse getreten."

Die Baisse der Biowerte ist kein deutsches Problem. Im Strudel einer allgemeinen Vertrauenskrise wird an den Börsen eine Zukunftsbranche mit in die Tiefe gerissen, die vor kurzem noch als Hoffnungsträger galt. Wo Risikokapitalgeber vor zwei Jahren noch partout in Biotechnikfirmen investieren wollten, wird heute jeder Heller zweimal umgedreht. Und auch die großen Pharmaunternehmen - als Kunden und Kooperationspartner für die Biobranche überlebensnotwendig - sind knauserig geworden. Sie müssen selbst sparen, um ihre Margen zu erreichen. Noch fataler: Sie haben begriffen, dass es noch Jahre dauern wird, bis aus den Erkenntnissen der Erbgutforschung Medikamente werden.

"Die Anfangseuphorie ist weg", sagt Peter Stadler, Ex-Bayer-Manager, heute Chef der Kölner Artemis Pharmaceuticals und designierter neuer Präsident der Deutschen Industrievereinigung Biotechnologie (DIB): "Für Luftnummern bezahlt heute keiner mehr." Und DIB-Geschäftsführer Jens Katzek ist klar: "Das Wachstum mit ständig neuen Firmengründungen wird aufhören. Jetzt kommt eine Phase mit Aufkäufen, Zusammenschlüssen und Insolvenzen." Viele Unternehmen suchen in der Not den Schulterschluss mit Big Pharma. Oder sie nutzen noch vorhandene Geldreserven, um zum Arzneimittelhersteller zu reifen, der später mit eigenen Medikamenten einmal richtig Geld verdient.

Genau diesen Weg wollte Lion-Bioscience-Chef Friedrich von Bohlen gehen. Doch er hat sich übernommen. Weltweit schätzen Forscher und Unternehmen zwar seine Softwarelösungen zur Auswertung der enormen biologischen Datenflut. Bei der Wirkstoffforschung blieben gewinnträchtige Deals mit der Pharmaindustrie jedoch aus. Diese Geldquellen bräuchten die Heidelberger aber dringend, um sich mit der teuren Sparte nicht finanziell zu ruinieren: "Wir stecken da jedes Jahr 20 Millionen Euro rein", sagt von Bohlen. Das entspricht knapp der Hälfte der im Vorjahr eingefahrenen Verluste von knapp 45 Millionen Euro. Bei einem Vorrat flüssiger Finanzmittel von 124 Millionen Euro steht ihm das Wasser noch nicht bis zum Hals. Doch er kann absehen, wann die Kasse leer sein wird.

Den bisher eher schwachen Draht von Lion Bioscience in Richtung Pharma soll Ex-Aventis-Chef Jürgen Dormann stärken, der vor einem Monat den Aufsichtsratsvorsitz übernahm. Von Bohlen hofft, dass Dormann die entscheidenden Köder auswirft, um einen Partner für die teure Entwicklung eigener Wirkstoffe und Medikamente zu angeln. Falls das nicht gelingt, droht der Verkauf der Wirkstoffforschung. Das wäre fatal. Mark Kotthoff, Chef des Teams Innovation Biotech der Deutschen Bank, urteilt: "Die Fantasie wäre dann raus - in eine IT-Firma investiert kein Mensch so viel Geld."

Ganz unbegründet ist die Hoffnung nicht. Denn bei anderen Unternehmen ging diese Strategie bereits auf. So erlebte Thomas Klein, Mitgründer der Berliner Noxxon Pharma, schon vor über einem Jahr, dass ein erfahrener Pharmamanager Wunder bewirken kann. Die Erfindung der Noxxon-Forscher, eine Substanzklasse namens Spiegelmere, die besonders effektive Therapien gegen Schmerzen und Krebs ermöglichen soll, ist nämlich gar nicht so einfach zu vermitteln. Kaum hatte aber Ex-Sandoz-Chef Max Link sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender angetreten, verschickte er 40 Briefe an gute, alte Bekannte aus der Pharmabranche. "Die Resonanz war riesig", freute sich Klein. Mit 7 der 17 Antwortenden sei Noxxon in "ernsthaften Gesprächen". Weil die Erfahrungen so gut waren, ging Noxxon jetzt noch einen Schritt weiter und hat seit zwei Monaten David Pearson als Vorstandsvorsitzenden verpflichtet. Der Amerikaner übernahm nach einer 17-jährigen Karriere bei Sandoz und Novartis den Posten von Klein, der jetzt als Finanzvorstand fungiert.

Das Know-how eines Pharmamanagers zahlte sich auch für die Hamburger Evotec aus, die als Dienstleister und Technologieanbieter startete. Schon in der Gründungsphase war Ex-Boehringer-Ingelheim-Manager Ulrich Aldag mit an Bord, der Vater des heutigen CEO Jörn Aldag. Aldag Senior kennt die Branche aus dem Effeff. Das Ergebnis: Evotec hatte innerhalb kürzester Zeit eine illustre Schar von Pharmapartnern wie Novartis, GlaxoSmithKline und Pfizer aufzuweisen. Mit deren finanzieller Hilfe von insgesamt gut 40 Millionen Euro entwickelten die Hamburger ihre Technologieplattform zur Serienreife: ein sehr effizientes System, mit dem sich die Wirksamkeit von Substanzen schnell abschätzen lässt.

Das Evotec-Management realisierte jedoch früh, dass die Nähe zu den großen Konzernen nicht ausreichen würde, um eine wirklich große Nummer in der Biotechnikwelt zu werden. Nur wer wie die Weltgrößen Amgen oder Biogen in der Lage ist, eigene Medikamente auf den Markt zu bringen, hat eine echte Chance. Eine Grundbedingung: Sich selbst wie ein Pharmaunternehmen aufzustellen - mit allen Möglichkeiten von der chemischen Wirkstoffsynthese über die Wirkstoffanalyse bis hin zur klinischen Forschung. Schon vor zwei Jahren erstanden die Hamburger für umgerechnet 506 Millionen Euro die britische Oxford Asymmetry International (OAI), eine hochmoderne Wirkstoffschmiede. Nun hat die 600 Mitarbeiter starke Evotec OAI das Potenzial, Wirkstoffkandidaten bis in ein sehr spätes, gewinnträchtiges Entwicklungsstadium zu bringen.

Genau dieses Potenzial, als Pharmafirma im Kleinen zu agieren, werden Biotech-Unternehmen in Zukunft dringend brauchen, glaubt Biotech-Lobbyist Stadler. Denn die Art und Weise, wie die großen Pharmakonzerne ihre Kooperationsverträge mit den kleineren Biotechs gestalten, verändere sich dramatisch: "Kein Mensch will heute mehr mögliche Angriffspunkte für Medikamente haben, sondern Medikamentenkandidaten, die ihre Wirksamkeit bereits in den ersten klinischen Studien bewiesen haben." Gene, die in irgendeinem nebulösen Zusammenhang zu einer Erkrankung stehen, sind schön und gut für akademische Zwecke. Die Pharmabranche will in Zukunft jedoch Substanzen, die bereits näher daran sind, Kranke heilen zu können.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%