Biotechnologie
Eine Branche im Teufelskreis

Biotech-Aktien gehörten zu den großen Verlierern des ersten Halbjahres. Dutzende von Flops bei der Entwicklung neuer Medikamente haben das Vertrauen in die Branche unterminiert. Zudem stecken die Unternehmen in einem Dilemma: Während eine Reihe umsatzstarker Altprodukte den Patentschutz verliert, fehlt vielen großen Konzernen der Nachschub an neuen umsatzstarken Medikamenten.

Nun also auch Qiagen: Mit seiner ebenso deutlichen wie überraschenden Gewinnwarnung hat das deutsche Vorzeigeunternehmen in Sachen Biotechnologie gestern dem Ansehen des Sektors einen weiteren Schlag versetzt. Die Meldung wäre allerdings nicht nötig gewesen, um den Kapitalmarkt an die Risiken der Branche zu erinnern. Biotech-Aktien gehörten ohnehin bereits zu den großen Verlierern des ersten Halbjahres. Dutzende von Flops bei der Entwicklung neuer Medikamente haben das Vertrauen in die Branche unterminiert.

Die Warnung von Qiagen spricht dafür, dass diese Vertrauenskrise und der Kursverfall an den Börsen zusehends auf das operative Geschäft der Branche zurückschlagen. Denn als Zulieferer für die Genforschung ist Qiagen ein geradezu idealer Indikator für die Aktivität in der biomedizinischen Forschung auf akademischer wie auf kommerzieller Ebene. Die relativ deutliche Revision seiner Umsatz- und Gewinnprognosen führt das Unternehmen jetzt vor allem auf ein schwächeres Wachstum im Geschäft mit amerikanischen Pharma- und Biotechfirmen zurück.

Hinter dieser Entwicklung wiederum dürften vor allem zwei Faktoren stehen: Zum einen die nach wie vor extreme Abhängigkeit des Biotechsektors von externen Kapitalzuflüssen. Nur einige Dutzend von weltweit mehr als 3 000 Biotechfirmen sind derzeit in der Lage, ihre Forschung aus dem laufenden operativen Geschäft zu finanzieren. Das Gros der Branche ist weiter auf Risikokapital institutioneller oder privater Investoren angewiesen. In der Boomphase bis Mitte 2000 war dies auch kein Problem, was viele Firmen zu einer starken Expansion ihrer Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung (F+E) verleitete. Doch mit dem Niedergang der Kurse ist die Refinanzierung zusehends schwieriger geworden. Vor allem viele kleinere Firmen laufen inzwischen Gefahr, dass ihnen das Geld ausgeht. Um ihre finanziellen Ressourcen zu schonen, müssen sie nun auf die Bremse treten.

Zum anderen ist ein gewisser Strategiewandel in der Pharmabranche im Gange. Viele Konzerne hatten im Laufe der 90er-Jahre sehr stark in die frühen Forschungsphasen investiert. In der Hoffnung auf deutliche Effizienzverbesserungen bei der Suche nach neuen Zielmolekülen und neuen Wirkstoffen kauften sich die Pharmariesen eine Fülle neuer Technologien ein, darunter insbesondere auch Verfahren, die auf der Genomforschung basieren. Die Entwicklung gipfelte schließlich in der Euphorie um die Entzifferung des menschlichen Genoms und einer Reihe millionenschwerer Kooperationen zwischen Pharma- und so genannten Genomicsfirmen, so etwa von Bayer mit den US-Firmen Millennium und Curagen oder von Roche mit der isländischen Decode Genetics.

Inzwischen kristallisiert sich jedoch heraus, dass die Erwartungen an die Genomforschung weit überzogen waren - zumindest was die Zeiträume der praktischen Umsetzung anbelangt. Das Zusammenspiel von Genen und anderen Faktoren entpuppt sich als wesentlich komplizierter als erwartet. Die relativ wenigen konkreten Produktkandidaten, die bisher direkt aus der Genomforschung hervorgegangen sind, kommen in der klinischen Prüfung nur quälend langsam voran. Und viele Experten gehen inzwischen davon aus, dass der große Schub an neuen Pharmaprodukten erst gegen Ende des Jahrzehnts einsetzen wird. Gleichzeitig haben die Zulassungsbehörden die Hürden für Neuentwicklungen deutlich heraufgeschraubt, was wiederum viele klassische Entwicklungsprojekte verzögert oder komplett aus der Bahn geworfen hat.

Die Entwicklung hat die Pharmafirmen auf dem falschen Fuß erwischt. Während eine Reihe umsatzstarker Altprodukte den Patentschutz verliert, fehlt vielen großen Konzernen der Nachschub an neuen umsatzstarken Medikamenten. Das bringt die betreffenden Firmen zwar gewiss nicht in Existenznöte, stellt aber die ehrgeizigen Wachstumsprognosen zunehmend in Frage. Um dem entgegenzusteuern, treten die Pharmariesen inzwischen offenbar auch in der Forschung auf die Bremse und orientieren sich um: Anstatt in die frühen Forschungsphasen investieren sie verstärkt in den Kauf möglichst marktreifer und kalkulierbarer Entwicklungsprodukte.

Die starken Investitionen in neue Basistechnologien sind damit bei vielen Pharmafirmen vorerst zum Stillstand gekommen. Zum Teil gehen die Pharmariesen sogar dazu über, entsprechende Aktivitäten wieder abzuspalten, wie es Schering zum Beispiel mit ihrer Genomforschungstochter Metagen getan hat oder vor wenigen Monaten die dänische Novo-Gruppe mit ihrer kalifornischen Tochter Zymogenetics. Ziel ist es dabei nicht nur, die eigenen Entwicklungsaktivitäten stärker zu fokussieren. Es geht auch darum, Risiken und Kosten zu mindern. Statt großer Visionen sind auch in der Pharmawelt heute greifbare Erfolge gefragt.

Tendenziell geht damit eine Verlagerung in den Forschungsbudgets einher, die nun offenbar auf den Biotechsektor zurückschlägt. Vor allem für so genannte Technologieplattform-Firmen aus dem Genomics-Bereich ist es deutlich schwieriger geworden, neue große Deals abzuschließen. Viele dieser Firmen stürzen sich inzwischen selbst in die Wirkstoffsuche, was aber noch viel abhängiger macht von externer Finanzierung. Sie laufen damit zusehends Gefahr, in einen Teufelskreis aus Kapitalmangel und Misserfolg zu geraten. Das kann auf Dauer nicht ohne Einfluss auf die wichtigen Zulieferer der Branche bleiben.

Risiken und Kosten müssen gemindert werden. Statt großer Visionen sind deshalb auch in der Pharmawelt heute greifbare Erfolge gefragt.

Quelle: Handelsblatt

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