Biotechnologie
Tanzende Moleküle

Roboter des Hamburger Unternehmens Evotec OAI testen täglich 100 000 potenzielle Medikamente.

WiWo DÜSSELDORF. Das helle moderne Büro in einem Vorort Hamburgs hat die Größe einer Studentenbude. Eine Tür fehlt, die Zwischenwand ist verglast. Alles symbolisiert Offenheit, auch die Distanz schaffende Sekretärin fehlt. Unter Bergen von wissenschaftlichen Artikeln und Büchern liegt der Schreibtisch eines der wagemutigsten Gründer der deutschen Biotechnikszene verborgen: Karsten Henco, 49, hob sowohl Qiagen als auch Evotec aus der Taufe und schrieb so gleich zwei Biotech-Erfolgsgeschichten.

Evotec-Maschinen sehen für Laien aus, als seien sie aus Lego- und Fischer-Technik-Elementen gebastelt, doch sie sind höchst effektiv. Arzneimittelforschern sparen sie Zeit und Geld. Gerade hat eine ganz neues Exemplar, Mark III genannt, den Abnahmetest des britischen Pharmariesen Glaxo-SmithKline bestanden. Während Pharmazeuten früher jedes Reagenzglas einzeln beäugen mussten, begutachten die Hamburger Roboter jetzt mit ihren Laseraugen täglich mehr als 100 000 Proben in Miniaturgefäßen. Dabei werden die Substanzen vollautomatisch auf ihre Wirksamkeit als Medikament getestet. Das Herzstück der Technik besteht aus einem Laserstrahl, der die nur einen Mikroliter fassenden Reaktionsgefäße durchleuchtet. Und immer, wenn es um High Tech geht, leuchten die Augen des Biochemikers Henco: Wir haben den Strahl so stark fokussiert, dass einzelne Moleküle darin sichtbar werden wie Staubteilchen, die auf einem Sonnenstrahl tanzen. Dieser Moment des Tanzens reicht aus, um zu messen, ob Substanzen etwa mit menschlichen Zellen oder Eiweißen eine Bindung eingegangen sind und damit als Arzneistoff infrage kommen. Die Evotec-Roboter, die Entwicklungskosten von 30 Millionen Euro verschlungen haben, genießen schon jetzt einen glänzenden Ruf, doch Henco will mehr: Wir haben das Zeug zur Nummer eins der Wirkstofffindung in der Welt.

Undenkbare Erfolgsmeldungen

Lange Zeit waren solche Erfolgsmeldungen hier zu Lande undenkbar. Die Pharmabranche bis Anfang der Achtzigerjahre die Apotheke der Welt war gewaltig zurückgefallen. Die Deutschen hatten den Paradigmenwechsel von der Chemie zur Biologie verschlafen , urteilt Henco, der selbst lange bei einem Pharmakonzern arbeitete.

Heute bevorzugt er kleinere Unternehmen, vor allem die direkte Rückmeldung, ob ich etwas richtig oder falsch gemacht habe . Doch kleine Einheiten haben auch Nachteile, wie Henco mit dem Hildener Biotechnikunternehmen Qiagen Ende der Achtzigerjahre erfahren musste. Für drei Gründer mit völlig unterschiedlichen Ideen war Qiagen zu klein , blickt Henco zurück. Deshalb beschlossen die Drei, die sich schon aus Studententagen kannten und noch heute schätzen, die Trennung. Weil der Vater zweier Kinder ein Einkommen brauchte und zudem Hencos Gründerhunger noch nicht gestillt war, fand er 1993 Geldgeber und gründete mit Partnern Evotec.

Millionenschwere Allianzen

Er führt das Unternehmen als Vorstandsvorsitzender, begeistert junge Wissenschaftler für seine Ideen, schmiedet erfolgreich millionenschwere Allianzen mit Pharmagrößen wie Novartis, Glaxo-Smith-Kline, Pfizer und bringt Evotec an die Börse. Im Sommer 2000 verleibt sich Evotec für die stolze Summe von 506 Millionen Euro das britische Unternehmen Oxford Assymetry ein. Plötzlich steht Henco einem Unternehmen vor, das mehr als 500 Mitarbeiter hat. Weil bei Evotec mehr und mehr klassische Managementstrukturen gefragt waren, war es für ihn nur logisch, dass er im vergangenen Jahr in den Aufsichtsrat wechselte. Er wollte sich endlich wieder um das kümmern, was ihm wirklich Spaß macht: Wissenschaft.

Doch restlos ist der Gründerhunger noch immer nicht gestillt: Zwei Tage pro Woche berät Henco als Business Angel junge2 Startups. Und weil er seit dem Börsengang von Qiagen auch finanziell keine Sorgen mehr hat, plant er etwas Neues: Der begeisterte Wissenschaftler will eine eigene Forschungsstiftung gründen, die an Evotec assoziiert ist: Schließlich will ich ja meine Aktien nicht mit ins Grab nehmen.

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