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Bis der Hammer fällt

Hoch über den Dächern von London, 8 000 Kilometer vom Silicon Valley entfernt, schrumpfen die amerikanischen Helden der Neuen Wirtschaft auf Normalmaß. Jim Rose lässt Besucher seines Büros im 10. Stock eines anonymen Geschäftshauses im Londoner Stadtteil Hammersmith nicht im Unklaren, was er vom Rivalen aus Übersee hält: "Ebay USA macht Geld, Ebay Europa ist ein Looser."

HB LONDON. Der Chef des britischen Online-Auktionshauses QXL nimmt selten ein Blatt vor den Mund. Weder die beinahe geplatzte Fusion mit dem Hamburger Konkurrenten Ricardo noch der Kurssturz von über 700 auf 14 Pence haben den bulligen Amerikaner verstummen lassen. Er spricht schnell, denkt schnell - und zeigt nach außen nicht den geringsten Hauch von Selbstzweifel: "Wir sind das größte europäische E-Commerce-Unternehmen."

Lesen Sie hier das komplette Interview mit QXL-Chef Rose

Die Web-Branche ist gespalten: Die einen glauben, dass QXL den Kampf um die Vorherrschaft im europäischen Web-Auktionsgeschäft gewinnen wird, die anderen prophezeien eine der spektakulärsten Pleiten der New Economy. "QXL versucht einen Markt aufzurollen, der nur einen Spieler mit einer starken Marke trägt", sagt Miles Saltiel, Analyst bei West LB Panmure in London.

Für Rose ist klar, wer das sein wird. "Wir haben eine starke paneuropäische Infrastruktur und ein solides Geschäftsmodell, das auf Profit ausgerichtet ist." Ausgerichtet vielleicht - aber weit davon entfernt. Im ersten Quartal 2003 will QXL erstmals schwarze Zahlen schreiben.

Um diesen Zeitpunkt überhaupt zu erreichen, war eine zusätzliche Finanzierungsrunde nötig, die Ende November mit der Investmentbank CSFB abgeschlossen wurde. Rose nennt die neue Abmachung "kreativ und flexibel". Experten behaupten, die Konstruktion aus Wandelschuldverschreibung und Kapitalerhöhung, verschließe sich jedem, der über kein höheres Finanzdiplom verfügt. Klar ist nur: Das Geld soll genau bis zum Frühjahr 2003 reichen. "Wir hatten noch Reserven für ein Jahr", erklärt Rose. "Wir fühlten aber das Bedürfnis, den Kapitalmärkten eine gewisse Sicherheit zu geben."

Die Börse quittierte das phantasievolle Geschäft mit einem Kurssturz von 30 %. Den Fall der Aktie schiebt der 39-jährige QXL-Chef selbst allerdings auf die allgemeinen Marktverhältnisse und die hohe Zahl von nervösen Kleinaktionären unter seinen Investoren. 90 % der QXL-Aktien sind nicht in der Hand strategischer Anleger - ein erstaunlich hoher Wert, der auch durch Zusammenschlüsse entstand, die über Aktientausch abgewickelt wurden. "Man braucht eine kritische Masse", erklärt Rose. "Die haben wir durch die Akquisitionen und durch unser organisches Wachstum erreicht. Nun geht es für uns darum, unsere Geschäfte gut zu machen."

Dazu gehört für ihn vor allem das Agenturgeschäft: Unternehmen und Verbraucher stellen dabei Waren zur Auktion bereit, QXL dient nur als Plattform und kassiert dafür Gebühren. Zurückgehen soll das Prinzipal- oder Eigen-Geschäft, bei dem QXL selbst Waren von Unternehmen versteigert. Dieser Zweig sei anfangs wichtig gewesen, um durch ein breites Sortiment Nutzer anzuziehen. "Je stärker das Geschäft im Agenturbereich, desto mehr können wir uns aus dem Prinzipal-Markt zurückziehen", sagt Rose. Und somit sinkt auch das Risiko, wenn es um Rücknahme oder Finanzierung geht.

Derzeit macht das Agenturgeschäft 90 % des Handels bei QXL aus. Beim Neu-Ableger Ricardo sind es 80 %. Problematisch sei in Hamburg vor allem die teure eigene Lagerhaltung, heißt es bei QXL. Bis März 2001 sollen die Ricardo-Lager geschlossen sein. Zu diesem Zeitpunkt soll auch das Geschäftsmodell von Bidlet umgemodelt sein: Setzte der schwedische QXL-Ableger noch bei der Übernahme im Frühjahr voll auf Eigengeschäfte, machen diese jetzt noch 70 % aus. Im kommenden März sollen es noch 10 % sein. "Wir gehen da sehr aggressiv vor," sagt Rose.

Klingt gut. Doch im ersten Halbjahr 2000/2001 machten die Briten 83,2 Mill. £ Verlust bei einem Umsatz von 7,8 Mill. Ebay dagegen war schon kurz nach dem Start profitabel. Im Maschinengewehr-Stil rattert der QXL-Chef die Erklärung herunter: "Als Ebay begann, gab es keine Konkurrenz. Sie konnten auf dem Rücken des Internet-Hype eine starke Marke aufbauen. Wir dagegen mussten in Marketing und Werbung investieren. Genauso geht es Ebay jetzt auch in Europa - und deshalb sind sie hier nicht profitabel."

Während die US-Konkurrenz versucht in Großbritannien, Frankreich und Deutschland voranzukommen, denkt Rose weiter: in Richtung Fernsehen. Wie das aussehen kann, zeigte QXL kürzlich zusammen mit dem Abo-Sender Sky. Prominente moderierten eine Auktion von Erinnerungsstücken an das im Abriss befindliche Fußball-Heiligtum Wembley-Stadion. Bieten konnten nicht nur im Studio-Gäste, sondern auch TV-Zuschauer über Telefon und Surfer auf der QXL-Seite.

Ein Erfolg: Sky zählte 50 % mehr Zuschauer als normalerweise auf dem Sendeplatz, die gezahlten Preise lagen durch die höhere Zahl der Bieter über denen einer traditionellen Auktion. Und es boten Fans mit, die kaum ein klassisches Auktionshaus betreten hätten. Rose: "Wir hatten sogar Teilnehmer aus Japan und Australien."

Doch ein Wembley-Stadion steht nicht jedem Tag zur Versteigerung an. QXL muss sich im Tagesgeschäft beweisen. Hoffnung besteht: "Unsere Ausgaben sinken, unsere Bruttogewinnspanne steigt", rühmt der QXL-Chef. Doch ob das reicht, um die magische Marke 2003 zu erreichen, bleibt offen. Letztendlich könnte es dem Unternehmen ergehen, wie dem Formel-1-Fahrer, der nur noch ein paar Tropfen Sprit im Tank hat: Es kann reichen, um als erster über die Ziellinie zu gehen - aber genauso gut kann der Wagen auf den letzten Metern stehen bleiben.



Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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