Archiv
Bis zu 100 000 Fluttote befürchtet

Bis zu 100 000 Tote: Mit den Zahlen steigt das weltweite Entsetzen über das Ausmaß der Flutkatastrophe in Südasien. Hilfsorganisationen schätzen am Mittwoch, drei Tage nach dem Seebeben vor Sumatra, erstmals die Zahl der Opfer im sechsstelligen Bereich.

dpa NEU DELHI/JAKARTA/BERLIN. Bis zu 100 000 Tote: Mit den Zahlen steigt das weltweite Entsetzen über das Ausmaß der Flutkatastrophe in Südasien. Hilfsorganisationen schätzen am Mittwoch, drei Tage nach dem Seebeben vor Sumatra, erstmals die Zahl der Opfer im sechsstelligen Bereich.

Die Weltgesundheitsorganisation befürchtet, dass noch Zehntausende durch Seuchen sterben könnten. Mehrere tausend Touristen wurden noch vermisst; nach Angaben von Bundeskanzler Gerhard Schröder sind darunter auch 1 000 Deutsche. "Dies ist eine Katastrophe wirklich weltweiten Ausmaßes", sagte Schröder in Berlin. Es sei von einer "dreistelligen Zahl" deutscher Opfer auszugehen. Die Bundesregierung ordnete Trauerbeflaggung an und erhöhte die Hilfe für die Katastrophenländer auf 20 Mill. Euro.

Nach offiziellen Schätzungen sind bislang 69 000 Tote zu beklagen, sagte eine Sprecherin der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Föderation (Ifrc) in Genf. Wegen der hohen Zahl der Vermissten sei jedoch noch ein deutlicher Anstieg bis auf 100 000 Tote zu befürchten. Allein auf Sri Lanka rechnete der europäische Koordinator für Hilfe mit bis zu 50 000 Toten. Die Lage dort sei "apokalyptisch", sagte Philippe Nardin. UN-Generalsekretär Kofi Annan brach seinen Urlaub ab und wollte am Donnerstag persönlich die Aufsicht über die größte Nothilfeaktionen in der Geschichte der Vereinten Nationen übernehmen.

Der Bundesregierung zufolge wurden bislang 26 deutsche Opfer identifiziert. Allein in Thailand war jedoch das Schicksal von mindestens 600 Deutschen unklar, wie die deutsche Botschaft in Bangkok berichtete. Für die meisten Gäste und Beschäftigten des vor allem von Deutschen besuchten Luxushotels "Magic Lagoon" bei Khao Lak in Thailand gibt es unterdessen kaum noch Hoffnung. Bis Mittwoch wurden nur 185 der 415 zumeist aus Deutschland stammenden Gäste lebend gefunden. Das teilte der Hotelkonzern Accor in Paris mit. 230 Urlauber sind damit tot oder werden vermisst. 70 Prozent der Hotelgäste waren Deutsche.

In Thailand sind fast drei Viertel der bislang mehr als 1 500 Fluttoten nach offiziellen Angaben Ausländer. Nach Befürchtungen der skandinavischen Regierungen hat das Seebeben auch hunderte Menschen aus diesen Ländern das Leben gekostet. Mehr als 2000 Urlauber aus Schweden, Norwegen, Finnland und Dänemark werden vermisst.

In Indonesien rechnete die Regierung mit bis zu 40 000 Toten. Der Vize-Polizeichef der indischen Inselgruppe Andamanen und Nikobaren, S. Vasudev Rao, sagte der dpa per Telefon aus der Hauptstadt Port Blair: "Es sieht nicht gut aus. Die Zahl der Toten steigt jeden Tag." Es könnten zwischen 6 000 und 10 000 Tote sein. Die offizielle Opferzahl auf den Nikobaren liegt bislang bei 3 000. Viele Inseln seien weiterhin überflutet. In Indien begannen Impfungen, um Epidemien zu vermeiden.

Mehr als 100 Menschen sind auch im ostafrikanischen Staat Somalia nach Regierungsangaben von der Flutwelle getötet worden, die rund 6 000 Kilometer vom Epizentrum des Bebens entfernte Küstenstadt Hafun wurde weitgehend zerstört. 34 Tote wurden aus Birma gemeldet, 65 aus Malaysia.

Alle internationalen Hilfsorganisationen arbeiten unter Hochdruck daran, die Menschen vor allem mit sauberem Trinkwasser zu versorgen. Zwei Teams des Technischen Hilfswerks THW mit Wasser- und Bergungsexperten trafen in Thailand und Sri Lanka ein. Eine dritte Gruppe reiste am Mittwoch nach Indonesien ab. Die "fliegende Intensivstation" der Bundeswehr, ein mit medizinischer Technik ausgerüsteter Airbus, sollte in der Nacht zum Donnerstag in Phuket in Thailand landen. Ein zweiter Airbus wird ebenfalls zum "Medevac" umgerüstet.

Hunderttausende Kinder sind dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zufolge obdachlos und von Krankheiten bedroht. Zahllose Menschen suchten zwischen Trümmern, in überfüllten Krankenhäusern und Leichenhallen verzweifelt nach ihren Angehörigen. In den Katastrophengebieten Sri Lankas werden nach Angaben der Hilfsorganisation World Vision Wasser und Nahrungsmittel knapp.

In all dem Grauen erlebten die Retter aber auch kleine Wunder: Ein 13-jähriges indisches Mädchen hat nach der Flutwelle zwei Tage lang auf einer schwimmenden Tür überlebt, bevor das Meer es an seiner ihrer Heimatinsel wieder an Land spülte.

Der Münchner Tropenmediziner Professor Thomas Löscher warnte vor "Horrorszenarien". "Von einer Verdopplung der gegenwärtigen Todeszahl durch Seuchenausbruch zu sprechen ist übertrieben und nicht adäquat", sagte Löscher in einem dpa-Gespräch. Die Seuchengefahr gehe von den Toten aus, die möglichst rasch beerdigt werden müssten. Dies sei den Hilfskräften vor Ort sehr bewusst und werde entsprechend umgesetzt.

Die Fluggesellschaft Condor hatte bis Mittwoch mehr als 1 000 Urlauber aus dem Katastrophengebiet nach Deutschland gebracht. Wie der Tourismuskonzern Thomas Cook mitteilte, würden bis Donnerstagabend alle Urlauber aus Sri Lanka und Phuket ausgeflogen. Der Ferienflieger LTU hat bislang rund 2000 Urlauber zurückgebracht.

Bundeskanzler Schröder und andere Spitzenpolitiker riefen die Deutschen ebenso zu Spenden auf wie die katholische und die evangelische Kirche, die am Neujahrswochenende in Sonderkollekten für die Opfer des verheerenden Seebebens sammeln. Papst Johannes Paul II. appellierte an die internationale Gemeinschaft erneut, den Opfern zu helfen. Die Organisation des Internationalen Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds bat um Spenden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%