Bis zu 300 000 Stellen in Gefahr
Das Handwerk lamentiert

Das deutsche Handwerk wird nach Angaben seines Verbandes im laufenden Jahr noch tiefer in die Krise rutschen, die durch die Reformpläne der Bundesregierung beim Meisterbrief sogar noch verschärft werden könnte.

Reuters BERLIN. "Wir haben einen Rückgang zu erwarten von drei bis vier (Vorjahr minus fünf Prozent) im Umsatz", sagte am Mittwoch Handwerkspräsident Dieter Philipp. Zugleich könnten weitere 100 000, schlimmstenfalls wie im Vorjahr erneut rund 300 000 Arbeitsplätze im Handwerk verloren gehen. Die Regierungspläne zur Änderung der Handwerksordnung, die vielen Nicht-Meistern künftig eine Selbstständigkeit im Handwerk erlauben sollen, würden nicht nur keine neuen Arbeitsplätze schaffen, sie würden die Stabilität vieler Handwerksbetriebe gefährden und letztlich die Ausbildungszahlen dort sinken lassen. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) warf dem Wirtschaftsministerium in diesem Zusammenhang eine "selektive und tendenziöse" Wahrnehmung sowie das Operieren mit falschen Zahlen vor. Schon das vergangene Jahr war nach Darstellung des ZDH für das deutsche Handwerk "das mit Abstand schwierigste Jahr seit der Wiedervereinigung". Seit 1998 habe das Handwerk rund eine Million Arbeitsplätze verloren. Auch aktuell deute nichts auf eine anziehende Nachfrage nach Leistungen der Handwerksbetriebe hin. In 2002 waren in knapp 844 000 Handwerksbetrieben rund 5,36 Mill. Menschen beschäftigt. Der Umsatz der Handwerksbetriebe erreicht gut neun Prozent der deutschen Bruttowertschöpfung.

Massive Kritik an Regierungsplänen

Philipp kritisierte, die Regierung sehe die Reform der deutschen Handwerksordnung offenbar als ideales Reformthema, da sie zunächst nichts koste, vermeintlich aber hunderttausende neuer Stellen schaffe. Diese Annahmen seien aber falsch. "Wir glauben nicht, dass mehr Ausbildung und Beschäftigung auf Dauer geschaffen wird, wenn die vorliegenden Entwürfe der Bundesregierung realisiert werden." Vielmehr gehe die Regierung damit an die Grundlagen vieler Handwerksbetriebe, was sich nachteilig auf deren Stabilität sowie die Entwicklung von Beschäftigung und Ausbildung auswirken würde.

"Der Meisterbrief sichert im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen und zu Handwerksbetrieben im Ausland die Bestandsfestigkeit der Unternehmen", argumentierte Philipp. Werde er in der Art angegriffen, wie es die Bundesregierung in ihrem Referentenentwurf plane, drohe eine Rückentwicklung Deutschlands in einer Struktur von Kleinstgewerbebetrieben und in ein Selbstständigenproletariat. Dem Wirtschaftsministerium, wenn auch nicht Wirtschaftsminister Wolfgang Clement direkt, warf das Handwerk vor, mit nachweisbar falschen Zahlen zu operieren. Zudem habe Clement den Vorschlägen des Handwerks bislang keine Beachtung gezeigt.

Handwerk verweist auf eigenen Refomvorschlag

"Aber wir blockieren eine Modernisierung der Handwerksordnung nicht", sagte Philipp mit Verweis auf ein eigenes Reformkonzept des Verbandes. Anders als Clements Ministerium wolle man aus einer Lockerung beim bislang für die Selbstständigkeit geforderten Meisterbrief nicht nur so genannte gefahrengeneigte Berufe ausnehmen. Ausbildungsleistung und Nachhaltigkeit in den einzelnen Handwerksbereichen müssten als weitere Kriterien hinzukommen. Bei der Nachhaltigkeit gehe es darum, dass der Meisterbrief die Bestandsfestigkeit vieler Betriebe sichere. Bereit sei das Handwerk, das Inhaberprinzip aufzugeben, was eine Betriebsführung durch einen angestellten Meister erlauben würde. Auch wolle man künftig Abschlüsse von Industriemeistern und Technikern anerkennen. Bei der Durchsetzung seiner Vorstellungen will der Verband verstärkt den Kontakt mit den Bundesländern suchen. Diese müssen eine Reform der Handwerksordnung im Bundesrat zustimmen.

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