Bis zu den ersten Angriffen wird es nicht mehr lange dauern
Wachsende Virengefahr beim Handy

Online-Banking, Adressverwaltung - Handys gleichen sich immer mehr normalen PCs an. Damit steigt auch die Virengefahr bei Mobiltelefonen. Experten rechnen bei Smartphones bald mit den ersten Angriffen.

HB DÜSSELDORF. Das Mobiltelefon benimmt sich merkwürdig. Statt brav Verbindungen herzustellen, Termine anzuzeigen und ab und zu eine Datei zu verschicken, beschimpft es seinen Benutzer als "Idiot". Es schaltet ständig die Hintergrundbeleuchtung an und aus, gibt wirre Warntöne von sich und löscht gar das persönliche Telefonbuch. Drei Wochen später folgt auch noch eine saftige Rechnung über 127 Telefonate nach Japan, die der Besitzer nie geführt hat. Diagnose: Das Telefon hat sich einen Virus eingefangen.

Noch ist das Szenario fiktiv. Bei Handys sei noch gar kein Infektionsfall mit Viren bekannt, sagt Travis Witteveen von der finnischen Antivirus-Firma F-Secure in Helsinki. Bei Aufsehen erregenden Berichten über "Handy-Viren" geht es in Wirklichkeit nur um gezielt verschickte so genannte Steuer-Kurznachrichten. Diese können ein Mobiltelefon zwar kurzzeitig lahm legen. Weil dabei jedoch kein Programm in das Gerät eingeschleust wird, das sich dort fortpflanzen könnte, sind die Nachrichten keine echten Viren. Die geschlossene Struktur ihrer Betriebssysteme hat die Telefone bislang gegen Eingriffe von außen geschützt.

Das könne sich allerdings bald ändern: Denn immer mehr Menschen nutzen eine neue Generation von so genannten Smartphones. Das sind Mobiltelefone mit Organizerfunktionen, deren Anwender darauf auch fremde Software installieren können. Damit das möglich ist, werden diese Telefone mit Betriebssystemen wie "Symbian", "Palm" oder Microsofts "Stinger" ausgestattet. "Mit diesen Betriebssystemen gleichen sich die Smartphones immer mehr den traditionellen PCs an", erklärt Virenspezialist Witteveen. Das vergrößere die Gefahr, dass sich auf ihnen Viren breit machen.

Dass die Bedrohung durch Viren realistisch ist, zeigt das Beispiel der technisch mit den Smartphones verwandten Personal Digital Assistants (PDA). "Bei diesen Geräten gab es erst ein paar Trojanische Pferde und einen einzigen Virus", sagt Witteveen zwar. Doch der Virus namens "Phage" hatte es in sich: Er trat bereits im September 2000 erstmals auf, löschte installierte Applikationen und verbreitete sich per Dateiversand weiter. Auch die Trojanischen Pferde können den PDA-Besitzer kräftig ärgern, wenn sie durch einen arglosen Benutzer aktiviert werden. Der "Liberty Crack" getaufte Störenfried etwa tarnt sich ganz harmlos als Gameboy Emulator und löscht nach seinem Start alle Anwendungsdateien, die auf einem PDA installiert sind.

Bei Smartphones sind die offenen Betriebssysteme die neuen Angriffspunkte für Viren. "In dem Moment, in dem man so eine Struktur öffnet, macht man sie eben auch für Hacker und Viren-Programmierer zugänglich", erläutert Kevin Hogan, Leiter des Virenforschungslabors der Symantec Corporation, Cupertino. Viren könnten dann durch Infrarot-Datenübertragung, Downloads oder per E-Mail auf die Telefon-Festplatten gelangen. Da Smartphones von ihren Benutzern wahrscheinlich ähnlich genutzt werden wie traditionelle PCs - also auch für sensible Anwendungen wie Online-Banking oder Adressverwaltung - werden Viren auf diesen Geräten ebenso großen Schaden anrichten können wie bei größeren Rechnern.

Allerdings arbeiten die Hersteller von Antivirus-Software bereits an Gegenmaßnahmen. Sie wollen für die Smartphones schnell Abwehrprogramme bereitstellen, wenn eine neue Bedrohung auftaucht. Die Anwender sollen neue Antiviren-Programme künftig ohne viel Aufwand selber installieren können.

Die Nachfrage nach Schutz-Software könnte schon bald steigen: "Das Einzige, was diese Geräte zurzeit noch schützt, ist ihre geringe Verbreitung", sagt Hogan von Symantec. Dies mache die Geräte für Virus-Programmierer uninteressant. Denn deren Ziel sei in der Regel, einen möglichst großen Schaden bei möglichst vielen Nutzern anzurichten.

Ein wachsender Markterfolg der Smartphones könnte also auch Hacker anlocken: "Wenn die Verbreitung zunimmt, ist es wahrscheinlich, dass Viren auftauchen werden", ist Hogan überzeugt. "Unklar ist nur, wann genau das geschehen wird."

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