Bis zu zwölf Monate unter Gläubigerschutz
Worldcom - größter Konkurs der US-Geschichte

Der zweitgrößte US-Telekomkonzern Worldcom hat nach Fehlbuchungen in Milliardenhöhe Insolvenzantrag gestellt und damit für die größte Firmenpleite in der US-Wirtschaftsgeschichte gesorgt.

Reuters PHILADELPHIA/ FRANKFURT. Das Unternehmen beantragte am Sonntag Gläubigerschutz nach Kapitel 11 des US-Konkursgesetzes, das dem Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen zunächst die Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes ermöglicht. US-Präsident George W. Bush äußerte sich nach Angaben eines Sprechers des US-Präsidialamtes am Montag "sehr besorgt" über die Auswirkungen der Worldcom-Pleite. Das Geschäft des Telekomriesen in Deutschland ist nach Unternehmensangaben nicht beeinträchtigt.

Nach Worten von Worldcom-Chef John Sidgmore strebt der Konzern ein Ende des Gläubigerschutzes nach neun bis zwölf Monaten an. Eine Finanzierung in Höhe von bis zu zwei Milliarden Dollar (rund 2,02 Milliarden Euro) solle das Weiterarbeiten der Firma während dieser Zeit ermöglichen. Die internationalen Aktivitäten des Konzerns seien von der Insolvenz nicht betroffen. Auch mit einer Unterbrechung seines Telefon- oder Netzwerkbetriebes rechne Worldcom nicht. Die wichtigsten Gläubiger von Worldcom und dessen Töchtern kündigten indes ihre Unterstützung einer Restrukturierung des Konzerns an.

Der Insolvenzantrag von Worldcom und die schwächere Wall Street drückten den deutschen Aktienindex (Dax) am Montag Händlern zufolge auf den tiefsten Stand seit September 2001. Verluste mussten weltweit insbesondere Bankentitel hinnehmen. Die Aktien der Deutschen Bank fielen um fast fünf Prozent auf 60,02 Euro, nachdem bekannt geworden war, dass das Bankhaus mit einem Engagement von über einer Milliarde Dollar das größte europäische Gläubigerinstitut von Worldcom ist. Die Titel des niederländischen Finanzkonzerns ABN-Amro , der mit 753,1 Millionen Dollar bei Worldcom engagiert ist, sackten um 7,43 Prozent auf 13,72 Euro und damit das niedrigste Niveau seit fast vier Jahren ab.

Pleite größer als der Fall Enron

Nach Kapitel 11 des US-Konkursgesetzes können Firmen unter Bedingungen des Gläubigerschutzes zunächst weiter tätig sein, während ein Umstrukturierungsplan ausgearbeitet wird. Worldcom hatte im Juni Bilanzierungsfehler mit einem Volumen von 3,85 Milliarden Dollar eingestanden und seinen damaligen Finanzchef Scott Sullivan entlassen. Weltweit hatte dies die Finanzmärkte in Aufruhr versetzt und die Vertrauenskrise der Anleger in den USA nach dem Enron-Skandal verschärft. Am Montag stiegen die Aktien gegen den Trend um fünf Cent auf 14 Cent. 1999 kostete die Aktie noch 64 Dollar. Die US-Börsenaufsicht SEC hat den Konzern wegen Betrugs angeklagt. Das Unternehmen sieht sich zudem mit Klagen staatlicher US-Rentenkassen konfrontiert.

Der in Clinton im US-Bundesstaat Mississippi ansässige Konzern mit mehr als 20 Millionen Kunden bezifferte seine Vermögenswerte zuletzt auf 107 Milliarden Dollar, die Schulden auf 41 Milliarden Dollar. Rund die Hälfte der weltweiten Internet-Kommunikation wird über die Leitungen von Worldcom abgewickelt. Der Konzern ist in 65 Ländern vertreten und beschäftigt nach Abschluss von bereits angekündigten Entlassungen weltweit rund 60.000 Mitarbeiter. In Deutschland betreibt Worldcom Glasfaser-Datennetze für Geschäftskunden von insgesamt 3100 Kilometern Länge und hat in Frankfurt, Düsseldorf und Hamburg eigene Citynetze. Ein Sprecher von Worldcom Deutschland sagte, die Geschäfte liefen normal weiter.

"Wir denken, dass wir aus dem Prozess nach Kapitel 11 (dem Gläubigerschutz) als stärkere und gesündere Firma hervorgehen werden", sagte Sidgmore in einer Telefonkonferenz und kündigte eine Reduzierung der Schulden an. Dank der in Aussicht stehenden Finanzierung könnten auch die Mitarbeiter weiterhin bezahlt werden. Die Finanzierung von rund zwei Milliarden Dollar und Einsparungen für Zinszahlungen in Höhe von weiteren rund zwei Milliarden Dollar jährlich sollen den Finanzbedarf von Worldcom über das nächste Jahr decken. Einen Großteil der Finanzierung werde Worldcom voraussichtlich aber gar nicht in Anspruch nehmen.

Die Firma will nach eigenen Angaben binnen zwei Wochen einen Sanierungsexperten einstellen, der der Firmenleitung assistieren soll. Die Finanzierung für die Übergangszeit auf Basis der Vermögenswerte von Worldcom werden die Citigroup, J.P. Morgan Chase & Co. und die Finanzierungssparte von General Electric bereitstellen. Worldcom rechnet eigenen Angaben zufolge damit, unmittelbar 750 Millionen Dollar zu erhalten. Die Zustimmung zu den Finanzierungsplänen wolle Worldcom noch am Montag beim zuständigen New Yorker Insolvenzgericht beantragen, sagte Sidgmore weiter.

Umtausch von Schuldentiteln in Aktien geplant

Den Schuldenberg will der Konzern Sidgmore zufolge größtenteils durch eine Umwandlung von Anleihen in Aktien abbauen. Die größten Anleihen-Gläubiger von Worldcom kündigten unterdessen ihre Kooperation an. Sie würden ein unmittelbares Vorantreiben hin zu einer reorganisierten Kapitalstruktur, die ihre Investment-Ratings wiederherstellt, unterstützen, teilten sie mit. Als größter ungesicherter Gläubiger von Worldcom wurde im Zuge der Beantragung des Gläubigerschutzes mit 17,2 Milliarden Dollar Anleihevolumen J.P. Morgan Trust Co. National Association ermittelt. Die Mellon Bank N.A. sei Gläubiger von 6,6 Milliarden Dollar Schulden, die Citibank N.A. von 3,29 Milliarden Dollar.

Der Sprecher des US-Präsidialamtes Ari Fleischer sagte vor der Presse in Argonne (Illinios), Bush sei sehr besorgt über die Auswirkungen der WolrdCom-Insolvenz auf die Beschäftigten des Unternehmens, die Investoren und die gesamte Wirtschaft. Er habe den Kongress aufgefordert, hart durchzugreifen bei Rechtsverstößen von Unternehmen.

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