Bis zum letzten Tropfen
Der Mythos Männerfreundschaft

Männerfreundschaften sind in etwa so fassbar wie das geheimnisvolle Atlantis: Jeder hat schon mal was darüber gehört, aber wo es zu orten ist, wie es aussieht und, vor allem, warum es einst unterging, das weiß keiner.

Die meisten Männerfreunde treffen sich einmal im Jahr, fangen dort an, wo sie im vergangenen aufgehört haben und haben an ihren Spezi nur ganz wenige Ansprüche: bitte nicht privat werden, wohl aber gerne intim. Keine Emotionen, aber gerne ein paar Lamentos. Sie wollen eine Freundschaft, die anspruchsvoll ist (zumindest nach außen), aber bloß keine klemmenden Ansprüche aneinander stellt. Dafür versprechen diese Kontakte dann lebenslange Unkaputtbarkeit. Frauen wechseln, die Kinder wachsen, aber seinen Kumpel aus Sandkastentagen behält man bis zum jüngsten Pils.

Und wer nicht weiß, wie er mit seinen Freunden umzugehen hat, kann in gängigen Männerfachorganen Pflegetipps wie für einen Cashmerepulli nachlesen: Die Kerle-Machos-Chef-Postille Mens-Health schreibt: "Mit den alten Freunden wird man wieder jung. Der Abend war nur dann gut, wenn Sie sich vor Lachen in die Hose gepinkelt haben. Merke: Alberne Männer sind außerdem erfolgreicher." Kann man sich das in der "Brigitte" vorstellen? Für Frauen? Alberne Frauen sind außerdem erfolgreicher?

Während Frauen sich ein Leben lang ununterbrochen befreunden, entfreunden und neu befreunden, wollen Männer Kontakte, die nicht so tuntig sind wie die von Siegfried und Roy, nicht so zweckmäßig wie bei Ernie und Bert und nicht so Mädchen-zickig wie bei Dieter Bohlen und Thomas Anders, die sich schon zweimal für immer, aber mindestens ein ganzes Leben lang verkracht haben. Trotzdem wollen die Männer Freundschaften haben. Solche, die noch viel besser, intensiver und verlässlicher sind als Frauenfreundschaften. Also so wie bei Schiller und Goethe. Das Ideal der Romantik. Oder Holmes und Watson. Das Detektiv-Gespann.

Der Erfolg von dieser Wasch-mich-aber-mach-mich-nicht-nass- Methode: Männerfreundschaften sind nebulös, mystisch und ganz und gar imageprägend, je nachdem wie man sie führt. Intellektuell und rotweingeschwängert (Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki). Laut und fußballkrachend (Horst Hrubesch und Erich Ribbeck). Fühlend und ausdiskutierend (Narziss und Goldmund). Schräg und treu (Don Quichotte und Sancho Panza).

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