Bisher keine Gegenmittel
Mottenfeldzug gegen die Kastanie

Bundesweit bieten Alleen und Parks schon im Spätsommer ein trauriges Bild. Denn an den einst stattlichen Kastanienbäumen hängen - wenn überhaupt - nur noch braune, verwelkte, zusammengerollte Blätter. Doch es ist kein Zeichen für einen frühen Herbst, sondern Beleg für einen neuen Schädling: die Miniermotte.

ddp BERLIN. Sie ist klein, lautlos und kreuzgefährlich. Ihre Opfer sind Kastanienblätter. Unaufhörlich frist sich die Miniermotte durch das saftige Grün. Wo das Insekt zubeißt, verwandeln sich ausladende Baumkronen zu dürren, kahlen Ästen. Gegenmittel gibt es bislang kaum.

Erstmals entdeckt wurde die Motte mit den lateinischen Namen "Cameria ohridella" in Mazedonien. Das war vor mehr als zehn Jahren. Seitdem hat sich das nur etwa fünf Millimeter große, unauffällige Insekt mit braunen Flügeln fast explosionsartig in Mitteleuropa ausgebreitet. Nach Deutschland bahnte sich die Motte den Weg über Österreich. Es folgte Bayern. Inzwischen ist selbst Norddeutschland betroffen. "Die Miniermotte verbreitet sich passiv", sagt Gregor Hilfert vom Institut für Angewande Botanik in Hamburg. Der Falter ist zu klein, um kilometerweite Strecken fliegend zu überwinden. Eingeschleppt wurde der Schädling über den grenzüberschreitenden Auto- und Zugverkehr.

Aus den winzigen Eiern, die die Weibchen ab April an den Kastanienblättern ablegen, schlüpfen Larven. Sie sind die eigentlichen Killer. Bis zum Verpuppungsstadium fressen sie hauchdünne Gänge zwischen Blattober- und Unterseite. Je nach Witterung können sich bis zu drei Larven-Generationen in den Sommermonaten bilden. Sind die Blätter stark geschädigt, werfen die Bäume schon im August oder September ihr Laub ab.

Die Schädlinge sind allerdings echte Gaumen-Spezialisten. Denn sie befallen ausschließlich weißblühende Rosskastanien. Rosa- oder gelbblühende Bäume werden dagegen verschont. Warum die Miniermotten so einen ausgewählten Geschmack an den Tag legen, ist nicht bekannt - ebenso wie man ihnen Einhalt gebieten kann. In Deutschland und anderen Ländern forschen Wissenschaftler seit langen an Gegenmitteln. Bislang ohne durchschlagenden Erfolg.

"Bei großen Bäumen kann man gar nichts machen", sagt Hilfert. Denn würde man in 30 Meter Höhe Schädlingsbekämpfungsmittel spritzen, würden diesen auch Käfer, Schmetterlinge oder Spinnen im Umfeld zum Opfer fallen. Auch Menschen kämen mit dem Gift in Kontakt. Eine direkte Injektion am Stamm birgt ebenfalls Gefahren für die Bäume. So drohen etwa Infektionen oder Pilzbefall. Ohne Gegenmittel wird die Miniermotte wohl noch in den nächsten Jahren ihre Spur der Zerstörung fortsetzen.

Als "bedrohlich" sieht Hilfert die Situation dennoch nicht. Zwar würden die Bäume geschwächt, in den meisten Fällen komme es aber wieder zur Regeneration. Die einzige Möglichkeit die Ausbreitung des Schädlings einzuschränken, sieht der Experte in der Vernichtung des Herbstlaubes. Denn da überwintern die Miniermotten.

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