Bislang fehlt es den Aktienmärkten vor allem an Transparenz
Peking plant Börsenreform

Die Börsen in China gelten als Stiefkinder der Reformen im Land. Experten kritisieren insbesondere die mangelnde Transparenz. Die Börsen seien schlimmer als Kasinos, wo es wenigstens Regeln gebe. Die Regierung will nun gegensteuern. Allerdings wird bezweifelt, ob die Pläne wirklich greifen.

mg PEKING. Chinas Regierung hat Neuerungen für die Börsen angekündigt. Die Bekanntgabe der Pläne erfolgte noch kurz vor dem 16. Parteitag der Kommunistischen Partei, die seit Freitag die Mitglieder der nächsten Führung auswählt. Denn der Druck in China wächst; die Reformen können ohne die Börsen nicht finanziert werden. Abhilfe sollen ausländische Anleger bringen, die nun bis zu 20 % an chinesischen Gesellschaften erwerben können. Zudem zwangen Chinas Börsenaufseher im Oktober den Börsenfirmen strengere Publikationsregeln für die Ausgabe neuer Aktien auf und kündigten neue Regeln für Übernahmen und Fusionen an, die ab dem 1. Dezember gelten sollen.

Die Banken ächzen unter einer Last von bis zu 450 Mrd. $ an faulen Krediten, heißt es beim Hongkonger Brokerhaus Credit Lyonnais Securities Asia. Und Moody?s Investor Service hat vor wenigen Tagen den Anteil fauler Kredite am Portfolio der chinesischen Banken mit bis zu 45 % beziffert. Die Lösung des Problems wird auch außerhalb Chinas gesucht. So sollen ausländische Broker, Versicherer, Fonds und Banken nicht umlaufende Anteile an gelisteten Staatsfirmen kaufen können - China ist mit 500 Mrd. $ Kapitalisierung der zweitgrößte Markt Asiens.

Zur Modernisierung der maroden Anlagen der Staatsfirmen ist voraussichtlich eine dreistellige Milliardensumme erforderlich. Und die Regierung selbst sieht bis 2020 ungedeckte Ausgaben in der entstehenden Sozialversicherung von bis zu 4 000 Mrd. $ auf sich zukommen. Die Folge: Analysten in Peking und Hongkong erwarten, dass das Reich der Mitte in den nächsten fünf Jahren jährlich 120 Mrd. $ bei Anlegern einsammeln muss, um das hohe Wachstum aufrecht zu erhalten.

Doch noch fehlen einige Voraussetzungen. Die OECD skizzierte die Börsen in Schanghai und Shenzhen im Jahrbuch 2002 so: "Trotz seiner Größe und Komplexität hat dieser Kapitalmarkt die Effizienz der gelisteten Firmen nicht effektiv unterstützt. Zwischen Aktienkursen und Firmenergebnissen gibt es keine enge Verbindung. Der Markt wird dominiert von Kleinanlegern, die vorwiegend an kurzfristigen Gewinnen interessiert sind und wurde ständig von Spekulation und Manipulation heimgesucht". Chinas bekanntester Börsenkritiker, Wu Jinglian vom Entwicklungs- und Forschungsinstitut des Staatsrates, formuliert es drastischer: "Unsere Börsen sind schlimmer als Kasinos, dort gibt es wenigstens Regeln."

Chinas Börsen sind nicht das, als was sie erscheinen. Über 1 100 der 1 200 gelisteten Firmen sind staatliche Betriebe, viele davon verlustreich. Private Firmen sind weitgehend ausgeschlossen, dadurch entstanden lebhafte Untergrundbörsen. Die Börsenaufsicht CSRC verfolgt dutzende großer Skandale, in denen mafiose Netzwerke aus Brokern, Managern in Staatsfirmen und korrupte Beamte systematisch Kurse frisierten und fette Gewinne kassierten. Das kostet nicht nur Glaubwürdigkeit bei internationalen Anlegern. "Die China-Story hat sich erstmal abgekühlt", sagt ein Finanzexperte in Hongkong, der nicht genannt werden will.

Die Abgabe staatlicher Aktien an lokale Aktionäre, die im vergangenen Jahr startete und dann abgebrochen wurde, birgt zudem sozialen Sprengstoff. Denn viele der Privatanleger, die für 90 % des Umsatzes stehen, spielen mit ihren Ersparnissen und ihrer Rente. Chinas Regierung wollte in mehreren Anläufen staatliche Anteile gelisteter Firmen an Inländer verkaufen, um die Sozialreform zu finanzieren. Doch ein Malstrom nicht gehandelter Titel im Wert von 170 Mrd. $ drohte die Börsen zu überschwemmen. Von den Höchstwerten 2001 haben Chinas Aktien rund ein Drittel eingebüßt.

Echte Verbesserungen von der Börsenreform seien indes kaum zu erwarten, bevor das Machtdreieck von Staatsfirmen, Brokern und Börsenaufsicht, in dem es viele personelle Überschneidungen gibt, nicht aufgebrochen wird, schreibt "China Leadership Monitor". Und Sebastian Heilmann, China-Experte der Uni Trier, listete unlängst in einem Buch über Chinas Aktienmarkt Probleme wie diese auf: Politische Eingriffe bestimmen das Zulassungsverfahren, Spielmacher kontrollieren durch "aktive Kursgestaltung" den Markt. Und die mit starken Kompetenzen ausgestattete CSRC "geht mit Rücksicht auf das Marktwachstum und auf enge Kooperationsbeziehungen zu wichtigen Marktteilnehmern nur in Ausnahmefällen gegen Manipulationen vor".

Quelle: Handelsblatt

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