Bislang glichen Preiserhöhungen auf dem US-Markt sinkende Margen in Europa aus
Pharmaindustrie kämpft gegen niedrigere Preise

Pharmafirmen versuchen mit allen Mitteln, niedrigere Preise für Medikamente zu verhindern. Dazu gehören Spenden, Lobbying und die Drohung, neue Medikamente dem Markt vorzuenthalten.

BERLIN. Normalerweise zahlen die deutschen Krankenkassen an die internationalen Pharmakonzerne jährlich mehrere Milliarden Euro für verschreibungspflichtige Medikamente. Doch vor kurzem ist Geld in die entgegengesetzte Richtung geflossen. Eine Gruppe von 38 Pharmafirmen hat in einem Fonds 200 Mill. ? gesammelt und sie dem deutschen Gesundheitswesen gespendet. Kein reiner Akt der Nächstenliebe: Mit der Zahlung wollten die Konzerne Gesundheitsministerin Ulla Schmidt davon abhalten, wie geplant eine 4 %ige Preissenkung für verschreibungspflichtige Medikamente durchzusetzen.

Um diesen Cash Flow, ausgehandelt zwischen Kanzler Schröder und Vertretern der Pharmaindustrie wie Pfizer Inc., Merck & Co. und GlaxoSmithKline PLC, zu verstehen, muss man folgenes wissen: Drohende Preissenkungen in einem europäischen Land, zumal im Hochpreis-Land Deutschland, hätte für die internationale Pharmaindustrie schlimme Folgen. Denn wenn ein Land damit anfängt, niedrigere Pharmapreise festzusetzen, dann ziehen die europäischen Nachbarn in der Regel schnell nach, so die Erfahrungen der Branche. Das Ergebnis wären weiter sinkende Umsätze und Gewinne, wo viele der einst so erfolgreichen Konzerne heute ohnehin schon mit leeren Pipelines, drohender Generika-Konkurrenz und sinkendem Investorenvertrauen kämpft. Dabei ist das, was die Pharmaindustrie am meisten fürchtet, zum Teil schon im Gange: In Deutschland werden die Preise für patentfreie Medikamente unter Druck geraten, wenn ab Juli für eine Reihe von Wirkstoffen die so genannte Aut-idem-Regelung greift. Sie sieht vor, dass Apotheker vom Arzt verschriebene Medikamente durch billigere Präparate ersetzen können, und ist Teil des Sparpakets der Bundesregierung. Auch eine Preissenkung von 5 %, die Italien diesen Monat durchgesetzt hat, konnte die Pharmaindustrie nicht verhindern. Und Frankreich hat im Sommer 2001 die Preise für 100 Medikamente um 15 % gesenkt. Und weitere Senkungen stünden an, so die Ankündigung.

Der wachsende Druck auf Umsatz und Gewinn kommt nicht länger mehr nur aus Europa, wo Regierungen traditionell die Pharmapreise diktieren. Er kommt zunehmed auch aus den USA - durch Gerichtsentscheidungen und eine veränderte staatliche Gesetzgebung. Dabei hat sich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten während der letzten zehn Jahre zum größten Pharma-Absatzmarkt entwickelt, auf dem die Branche 46 % ihrer Umsätze und mehr als 60 % ihrer Gewinne erzielt. Lange Zeit galt der freie US-Markt auch als Preis-Eldorado, wo die Industrie über willkürliche Preiserhöhungen sinkende Margen in Europa ausgleichen konnte. So haben die Konzerne laut US-Regierungsstatistiken ihre Preise jährlich um 2 bis 3 % angehoben, in einzelnen Fällen sogar bis zu 5 %. "Peu a peu sinkt die Profitabilität auf europäischen Märkten und wir sind immer mehr auf den lukrativen US-Markt angewiesen", bringt es Sanofi-Synthelabo-Chef Jean-Francois Dehecq auf den Punkt. Doch damit scheint jetzt Schluss zu sein. "Warum sollten die US-Steuerzahler die Norweger oder die Franzosen in Europa subventionieren?", fragt sich Donna Shalala, Präsidentin der University of Miami.

Deshalb versucht die Pharmaindustrie, in Europa mit allen Mitteln gegen sinkende Preise vorzugehen. Nicht nur durch Spenden, sondern auch durch Lobbying und wenn all das nichts bringt, mit Drohungen, innovative Medikamente dem Markt vorzuenthalten. Einmal hat ein Pharmakonzern seine Drohung wahr gemacht: als Merck nach zähen Verhandlungen mit der französischen Regierung für sein Migränemedikament Maxalt nicht den gewünschten Preis erzielte, brach es die Gespräche kurzerhand ab. Fortan wurde Maxalt im Frankreich nicht mehr von den staatlichen Krankenkassen erstattet. Hätten wir dem niedrigeren Preis in Frankreich zugestimmt, wären alle anderen europäischen Ländern nachgezogen", erläutert Per Wold-Olsen, Merck-Europachef die Entscheidung. Und am Schluss hätte Merck dann noch draufgezahlt.

Quelle: Wall Street Journal

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