Bislang makellose Bilanz gegen Viertelfinalgegner
Eine Frage der Einstellung

Nach dem souveränen Marsch durch die Vorrunde ist die deutsche Frauen-Nationalmannschaft im WM-Viertelfinale gegen die Abwehrkünstlerinnen aus Russland haushoher Favorit. So manche(r) denkt da schon einen Schritt weiter - eine gefährliche Konstellation.

HB PORTLAND/OREGON. Das Halbfinale im Kopf, Russland vor der Brust - die deutschen Fußball-Frauen stecken vor dem ersten "Endspiel" der 4. Weltmeisterschaft in einer psychologischen Zwickmühle. Je näher das Viertelfinale gegen Russland am Freitagmorgen (1.30 Uhr MESZ/ZDF) in Portland rückt, desto größer wird die Verlockung, den vermeintlichen "Underdog" zu unterschätzen. "Es ist eine schwierige Situation", gesteht Maren Meinert, "weil es von der Papierform ein leichterer Gegner ist." Und Abwehras Kerstin Stegemann gibt zu: "Man spekuliert schon ein wenig, wer dann kommen könnte. Aber im Vordergrund steht das Spiel gegen Russland."

Die eigentliche Gefahr liege darin, den zweiten Schritt schon vor dem ersten tun zu wollen, bestätigt Meinert. "Wir dürfen nicht ans Halbfinale denken, bevor wir nicht mal das Viertelfinale gewonnen haben. Wenn man glaubt, es geht von allein, geht es schief. Erst müssen wir gegen Russland unsere Hausaufgaben machen", warnt die 30 Jahre alte Stürmerin, die in der WM-Vorrunde mit zwei Treffern und vier Torvorlagen zu den herausragenden Akteurinnen gehörte.

Nimmermüde halten sich die Deutschen vor Augen, wie wichtig eine hundertprozentige Einstellung ist. Spannung aufbauen, die richtige Balance finden zwischen gesundem Selbstbewusstsein und angemessenem Respekt - das ist die große Kunst und wohl der Schlüssel zum Erfolg über den Außenseiter. "Wir wollen ins Halbfinale, so gehen wir ins Spiel. Aber die Russinnen werden um ihr Leben rennen", so Meinert.

Sollte man wie gegen Kanada früh in Rückstand geraten, müsse man dem Tor hinterher laufen. Geduld wäre gefragt. Hinzu käme vielleicht "die Angst vor der Blamage". Das "Kribbeln" vor dem auch hinsichtlich der Olympia-Qualifikation bedeutenden Match verhehlt Meinert nicht: "Es ist wie ein Endspiel." Gedanken, dass es bereits das letzte ihrer erfolgreichen Karriere sein könnte, weil nach der WM für sie Schluss ist, werden verdrängt: "Das ist jetzt noch kein Thema."

Die bisher fast makellose Bilanz gegen Russland (acht Siege/zwei Remis/29:2 Tore) hilft nicht gerade, sich die Klasse des Gegners zu vergegenwärtigen. Doch die DFB-Damen kramen im Gedächtnis nach einem Negativerlebnis, um dem größten Feind, der Überheblichkeit, keine Chance zu geben. "Wir haben auch schon mal 0:0 gespielt", erinnert sich Meinert. Aber das ist Jahre her, zuletzt wurden die Russinnen mit 5:0 und 4:0 nach Hause geschickt. All das zähle nicht, "diese Ergebnisse müssen wir aus den Köpfen verbannen", mahnt Birgit Prinz, die sich wie alle auf ein "hartes Stück Arbeit" einstellt.

Zumal sich die Elf von Juri Bystritzky auf einen Schlagabtausch mit dem spielerisch überlegenden Europameister nicht einlassen wird. Ihr Spiel ist eher ausgerichtet auf Zerstörung, auf Sicherung des eigenen Tores. "Sie stehen mit neun Leuten hinten drin und lauern vorn auf Konter", betont Tina Theune-Meyer. Die Bundestrainerin ist aber zuversichtlich, dass ihr Team auch ohne die verletzten Steffi Jones und Linda Bresonik bestehen und die Kreativ-Abteilung den russischen Riegel mit zündenden Ideen knacken wird. "Maren und Birgit sind erste Klasse. Ihnen fällt eigentlich immer etwas ein." Wie es klappt, ist Spielführerin Bettina Wiegmann letztlich egal: "Hauptsache, wir gewinnen. Jetzt geht die WM erst richtig los."

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