Bitcom-Präsident: Offshoring wird zunehmen
"Deutschland kann sich nicht entziehen"

Der wachsende Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt wird langfristig immer mehr deutsche Unternehmen dazu veranlassen, durch Offshoring Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern. Davon geht Willi Berchtold, Präsident des Verbandes Bitkom und Chef von Giesecke & Devrient, aus. Im Handelsblatt-Interview erläutert er seine Einschätzung.

Herr Berchtold, wo sehen Sie in Deutschland Potenzial für mehr Outsourcing?

Bei der Entwicklung von Standardsoftware und der Softwarewartung, vor allem in der Finanzindustrie; und bei der Auslagerung ganzer Geschäftsprozesse wie Buchhaltung oder Call-Center. Das gilt auch für den Mittelstand.

Offshoring - der Trend zur Verlagerung solcher Tätigkeiten in Billiglohnländer - hat die USA früher als Europa getroffen. Wann wird ihn Deutschland genauso stark zu spüren bekommen?

Das Phänomen wird sich auch in Europa verstärken. Triebfeder ist der wachsende Konkurrenzdruck auf dem Weltmarkt. Für europäische Unternehmen wird dieser durch den Dollarverfall noch verschärft.

Könnten Jobverluste in Deutschland zu einer Gegenreaktion führen wie in den USA, wo das Thema im Wahlkampf eine große Rolle spielt?

Das könnte auf uns zukommen. Es gibt in Deutschland 750.000 Menschen, die in der IT- und Telekommunikationsbranche tätig sind. Das sind gut bezahlte Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung. Wenn davon 20% wegfallen, haben wir ein Problem. Kurzfristig sehe ich zwar noch keine Verlagerung von Arbeitsplätzen im großen Stil. Aber langfristig wird sich Deutschland dem Offshoring-Druck nicht entziehen können.

Wie kann Deutschlands IT-Branche in dem Wettbewerb bestehen?

Gesetze sind keine Lösung. Wir brauchen tragfähige, neuartige Geschäftsmodelle, um bei den Kosten auf dem Weltmarkt konkurrenzfähiger zu werden. Vorbild ist die Hardwareindustrie, die günstige Komponenten von Zulieferern aus Taiwan und Südkorea bezieht. Genau so müssen wir Softwaremodule im Ausland billiger entwickeln und zu Hause in ein Endprodukt integrieren. Um in einer durch Offshoring geprägten Welt zu bestehen, muss Deutschland Forschung und Entwicklung stärken und sein Bildungssystem verbessern. Auch Arbeitsmarktreformen sind unerlässlich. Eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche in Forschung und Entwicklung würde Jobs in Deutschland halten.

Wo liegen Grenzen für Offshoring?

Wo Produktentwicklung starker Vertraulichkeit unterliegt. Wenn Software zum Kerngeschäft eines Unternehmens gehört, würde ich Teile davon höchstens in eine eigene Tochter auslagern. Deshalb geht der Trend in der deutschen IT-Industrie auch zu Entwicklungstöchtern in Indien und Osteuropa. Bei Softwarewartung können hingegen große Volumen auch an Drittanbieter transferiert werden. Offshoring ist aber nur für größere IT-Projekte ab einem gewissen Volumen interessant. Denn der Steuerungs- und Koordinationsaufwand ist beträchtlich.

Nutzt Ihr eigenes Unternehmen Giesecke & Devrient Offshoring- Möglichkeiten?

Wir haben rund 100 Entwickler bei unseren Töchtern und Joint-Ventures in China, die aber rein für den chinesischen Markt tätig sind. In Indien bauen wir gerade eine Entwicklungsabteilung für den lokalen Markt auf. Zunächst wird die unsere Expansion im lokalen indischen Chipkartengeschäft unterstützen, später natürlich auch die globalen Geschäfte des Unternehmens.

Die Fragen stellte Oliver Müller.

Quelle: Handelsblatt Nr. 055 vom 18.03.04 Seite 20

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