"Bittere Ostern" in Rom
Ein kranker Papst bäumt sich auf

Wenn der Papst im Fernsehen live zu sehen ist, halten Millionen Gläubige in der Welt den Atem an. Gebrechlich und hinfällig erschien Johannes Paul II. ihnen an Ostern. Gehen kann er so gut wie nicht mehr; die Hände zittern; die Sprache ist undeutlich. Zeitweise sind seine Worte kaum mehr zu verstehen. Immer häufiger schwenken die Fernsehkameras gnädig in eine andere Richtung, um den Gläubigen den Anblick des Leidenden zu ersparen. "Bittere Ostern", kommentierten italienische Vatikan-Journalisten. Und viele Menschen rund um die Erde stellten sich vermutlich die gleiche Frage: Wie lange will der Papst diese Mühen noch auf sich nehmen?

dpa ROM. Doch immer wieder überraschend: Der alte Mann, der zusammengesunken in seinem Sessel sitzt, hält stand. Er bäumt sich auf. Seit Jahren raten ihm die Ärzte, kürzer zu treten. Doch er ließ es sich erneut nicht nehmen, die Ostermesse am Sonntag auf dem Petersplatz persönlich zu zelebrieren. Langsam und bedächtig las er vom Blatt ab, und seine Botschaft war unmissverständlich. Was er sagte, war alles andere als eine entrückte Predigt.

"Es scheint, als sei dem Frieden der Krieg erklärt worden", rief der kranke alte Mann mit Empörung in der Stimme. Er wollte, er konnte die neue Eskalation im Nahen Osten nicht einfach mit einem "normalen Friedensappell" übergehen. "Niemand darf schweigen und untätig bleiben, keiner, der in Politik oder Religion Verantwortung trägt!" Das liest sich wie eine geharnischte Kritik an der internationalen Gemeinschaft. Das Thema Nahost zog sich wie ein roter Faden durch die Ostergebete der vergangenen vier Tage.

Das andere brennende Thema ist die Gesundheit des Papstes – und die Zukunft an der Spitze der römisch-katholischen Weltkirche. Zwar wirkte Johannes Paul am Sonntag wieder vergleichsweise stabil. Aber die Frage bleibt: Wie lange hält der Papst durch? Kann er das Amt wirklich noch ausfüllen? Es ist nicht nur das rechte Knie, das ihn behindert und das angeblich demnächst operiert werden soll. "Es wird immer schwieriger, mit der offensichtlichen Invalidität des Papstes fertig zu werden", kommentiert der Vatikan-Insider und Journalist Marco Politi.

Doch Krankheit, Kreuz und Leiden – diese Dinge selbst sind zum Thema, zur Botschaft, des Papstes aus Polen geworden. In einem Zeitalter des Jugendwahns ein Zeichen zu setzen, das sei ein Anliegen des alten, greisen Mannes. "Mann des Schmerzes" wird er schon seit längerem genannt. "In einer Gesellschaft wie der unsrigen, die den Schmerz versteckt", wolle er ein Signal geben, meint ein italienischer Vatikankenner. "Jesus ist nicht vom Kreuz gestiegen", soll Johannes Paul unlängst einem Kardinal geantwortet haben, der ihn nach einem möglichen Rücktritt befragte.

Zumindest in den Augen vieler Deutscher schadet der Papst mit seinem Festhalten am Amt der Kirche. Bei einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Nachrichtensenders N24 meinten das jedenfalls 54 % der Befragten. Auch unter Katholiken überwogen kritische Stimmen. Doch mit einem Rücktritt, laut Kirchenrecht möglich, ist derzeit wohl kaum zu rechnen.

Ratlosigkeit, so meint Vatikankenner Politi, geht im Kirchenstaat um. Jeder Auftritt, jeder Termin wird für den Gehbehinderten zum Problem. Mehrmals konnte er bei den Osterfeiern die Messe nicht selbst zelebrieren. Angeblich stehen schon mehrere Rollstühle bereit, gestiftet von Gläubigen. Noch weigere sich Johannes Paul II. "Dabei wäre das keine schlimme Sache", meint ein Kardinal. "Aber er wird niemals aufhören zu reisen." Schon ist von "rollstuhlgerechten" Reiserouten die Rede. Die nächste Papstreise steht Anfang Mai an – auf die Insel Ischia.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%