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BIZ: Weltwirtschaft erstaunlich widerstandsfähig

Die Weltwirtschaft und das weltweite Finanzsystem haben sich nach Ansicht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) gegenüber Schocks wie der Enron-Krise oder der Probleme Argentiniens als überraschend widerstandsfähig erwiesen.

Reuters BASEL. Dennoch, so die BIZ in ihrem am Montag veröffentlichten Jahresbericht weiter, seien die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik gut beraten, mit "Gegenwinden" zu rechnen. Die Geldpolitik könne im Falle einer deflationären Entwicklung gar an ihre Grenzen stossen, hiess es weiter.

Die Abschwächung der Weltwirtschaft in der zweiten Hälfte 2001 war der BIZ zufolge nicht wie in früheren Zyklen auf eine verschärfte Geldpolitik zurückzuführen, sondern war die Folge sinkender Unternehmensgewinne. Der Abschwung wurde zudem durch "eine ausserordentliche Robustheit der Konsumausgaben" abgefedert und fiel deshalb relativ mild aus.

Zur Jahresmitte 2002 diagnostizierte die BIZ eine breit abgestützte weltweite Erholung, die am deutlichsten in Nordamerika erkennbar sei, aber in Ostasien und in Europa ebenfalls Kontur gewinne.

Die Widerstandsfähigkeit des Weltwirtschaftssystems basiert nach Einschätzung der BIZ auf einer Reihe von Gründen: Neben einer expansiven makroökonomischen Politik dürften auch die Liberalisierungsschritte der Vergangenheit eine positive Wirkung entfaltet haben. Die geringe Teuerung habe den Währungsbehörden zudem beträchtliche Spielräume für Zinssenkungen verliehen. Die Infrastruktur des Weltfinanzsystems habe sich nach dem 11. September als stressresistent erwiesen. Und auch nach dem Zusammenbruch des amerikanischen Energiehandelskonzerns Enron habe der Energiemarkt reibungslos weiter funktioniert. Zu panikartigen Reaktionen wie nach dem Zusammenbruch des Hedgefunds LTCM und der Russlandkirse 1998 sei es nicht gekommen, hielt die BIZ fest.

Verschuldung und Aktienkurse machen Sorgen

Doch jede Medaille hat eine Kehrseite. Inflationdruck sah die BIZ weiterhin nicht; eher könnte es Deflationsprobleme geben. Doch die lange Phase niedriger Zinsen habe vor allem in den englischsprachigen Ländern zu einer wachsenden Verschuldung geführt. Wenn die Zinsen wieder auf ein üblicheres Niveau steigen sollten, könnten da Probleme entstehen, so die BIZ. In Europa sei das Verschuldungsproblem geringer.

Sorgen bereiten der BIZ auch die Aktienkurse und die Entwicklung des Dollar-Wechselkurses. Die Aktienmärkte, vor allem in den USA seien weiterhin hoch bewertet. Auch würden die Analystenschätzungen für die zukünftigen Unternehmensgewinne recht optimistisch wirken, hiess es in dem Bericht. Nach einer Zeit, in der Unternehmensgewinne offenbar stark geschönt worden seien, müsse mit weiteren Altlasten gerechnet werden.

Die anhaltende Stärke des Dollars habe traditionelle Wechselkurspessimisten verblüfft, die sich im Wesentlichen am US-Leistungsbilanzdefizit orientieren, hieß es weiter. Ausländische Direktinvestitionen in den USA und Aktienkäufe seien zunächst die Hauptgründe für den starken Dollar gewesen; später hätten Ausländer Dollar nachgefragt, um US-Anleihen zu kaufen. Nun aber würden diese Kapitalströme in die USA aber spärlicher fliessen und US-Anleger würden sich vermehrt für Investments in Europa interessieren.

Die BIZ-Experten gingen im Jahresbericht auch der Frage nach, wann es an der Zeit sei, die Geldpolitik wieder zu straffen. Dabei sollte nicht allein die Inflation eine Rolle spielen, hiess es in dem Bericht. Es könne für eine Notenbank auch darum gehen, mittels höherer Zinsen eine Konjunktur-Blase zu verhindern oder frühzeitig abzubauen. Doch es sei schwierig, Zinserhöhungen zu beschliessen, wenn kein sichtbarer Inflationsdruck vorhanden sei, erklärte die BIZ. "Interessante Fragen" ergeben sich laut BIZ auch, wenn es um das Problem gehe, wie die Geldpolitik gelockert werden kann, wenn sich das Wirtschaftswachstum bei bereits niedriger Inflation abschwächt. In einem solchen Fall bestehe Deflationsgefahr mit steigenden Realzinsen. Dies würde in Volkswirtschaften mit hohen Schuldenständen die Abschwung-Probleme und die Deflation selbst wiederum markant verschärfen. Ob in einem solchen Fall eine energische Zinssenkung oder eher ein gemässigteres Vorgehen angemessen wäre, ist laut BIZ nicht abschliessend zu entscheiden. Unter diesen Umständen müssten fiskalpolitische Massnahmen verstärkt in Betracht gezogen werden. "Wenn die Geldpolitik zunehmen an ihre Grenzen stiesse, könnte - der zentralen Erkenntnis der keynsianischen Analyse zufolge - der Fiskalpolitik dennoch eine wichtige Rolle zukommen", so der Bericht. Doch die hohen Staatsdefizite früherer Jahre erinnerten daran, dass auch mit diesem Konzept Gefahren verbunden seien.

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