BKK-Chef bezeichnet Idee der "Diesease-Programme" als Sprechblase
Beitragserhöhung: Paradoxe Situation für Billigkassen

Die geplante Mindesthöhe für die Beiträgssätze zu den gesetzlichen Krankenkassen führt für viele Betriebskrankenkassen zu einer paradoxen Situation. Sie wollen günstig bleiben, also mit den Beiträgen sparsam umgehen, müssen aber nun Geld ausgeben und in Service investieren, der aus ihrer Sicht unnötig ist.

HB DUISBURG. Die Betriebskrankenkasse (BKK) Kissing in Duisburg lockt mit dem Beitragssatz von 11,7 Prozent. Dieser günstige Satz sei möglich, sagt Vorstandschef Alfred Jensen, weil die Krankenkasse für ihre 16 000 Versicherten keine Geschäftsstellen anbietet. Alle Anfragen werden über ein Callcenter, über das Internet oder per Fax abgewickelt. Die Betriebskrankenkasse, hervorgegangen aus der Kissing GmbH im sauerländischen Menden, ist eine Direktversicherung. Im Callcenter am Duisburger Innenhafen sitzen vier Sozialversicherungsfachangestellte und beantworten die Fragen ihrer Mitglieder. Die Kunst in dem kernsanierten Getreidespeicher ist geleast, es gibt keine Mitgliederzeitschrift.

Ab dem nächsten Jahr soll die BKK Kissing wie alle gesetzlichen Krankenkassen ihren 11 000 Mitgliedern einen Beitrag von 12,5 Prozent abkassieren müssen. Darauf haben sich die gesetzlichen Krankenkassen mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) geeinigt. In den Verhandlungen konnte der Bundesverband der BKK den Kompromiss durchsetzen, dass die Einnahmen aus den höheren Beitragssätzen bei den BKK verbleiben, also nicht in den allgemeinen Risikostrukturausgleich fließen werden. Das hatte Gesundheitsministerin Schmidt gegenüber dem Handelsblatt bestätigt.

Das bedeutet für die BKK Kissing, die sich im Juli 2000 mit dem vorübergehenden Beitragssatz von 10,5 Prozent geöffnet hat: Sie wird deutlich mehr Geld einnehmen als bisher. Aber Vorstandschef Jensen will das Geld nicht haben. Einige Monate lang könnten Rückstellungen gebildet werden, sagt er, dann könnte seine Kasse zusätzliche freie Leistungen übernehmen. Aber unter dem Strich bliebe ihm zuviel Geld übrig.

Disease-Programme "sind eine Sprechblase"

Der Plan der Bundesregierung sieht vor, dass diese Mittel in so genannte Disease-Management-Programme fließen sollen, also in die Betreuung von chronisch Kranken durch die Krankenkasse. Beispiel: Ein Diabetespatient erhält von seiner Krankenkasse telefonisch den Hinweis, dass seiner Krankengeschichte nach zu urteilen wieder eine Untersuchung beim Spezialisten notwendig wäre. Dieser Vorschlag ist für Jensen nicht mehr als eine "Sprechblase": Erstens sei den Krankenkassen aus wettbewerbsrechtlichen Gründen auch weiterhin untersagt, konkrete Arztpraxen zu benennen; zweitens habe der Hausarzt wenig Interesse, seine Patienten zum Spezialisten zu schicken, weil dann die Gefahr bestehe, dass dieser Patient auch in der Zukunft beim Facharzt bleiben würde. Eine bessere Behandlung der Patienten, wodurch die Krankenkassen letztendlich Geld sparen würden, sei auf diesem Wege kaum möglich.

Für Jensen bleibt nur ein Weg. "Wir werden das Geld unserer Mitglieder verbraten, damit wir es nicht an andere Betriebskrankenkassen abgeben müssen", sagt er, "wir motzen unseren Internetauftritt auf, vielleicht machen wir eine Mitgliederzeitschrift."

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