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Blair-Bashing in Brüssel

Bei den zahllosen Brüsseler Empfängen, Sommerfesten und Steh-Parties gibt es derzeit nur ein Thema: Tony Blair. Der britische Premier hat es quasi über Nacht geschafft, von einem europapolitischen Nobody zum Superstar der EU aufzusteigen.

Bei den zahllosen Brüsseler Empfängen, Sommerfesten und Steh-Parties gibt es derzeit nur ein Thema: Tony Blair. Der britische Premier hat es quasi über Nacht geschafft, von einem europapolitischen Nobody zum Superstar der EU aufzusteigen. Doch während das öffentliche Medien-Echo auf Blairs Auftritt im Europaparlament überwiegend positiv ausfiel, reden Europaabgeordnete, Kommissionssprecher und Diplomaten in privatem Rahmen bei einem Gläschen Wein ganz anders.

Just in dem Moment, da Blair den EU-Ratsvorsitz übernimmt, entlädt sich über Jahre angestauter Frust über den Briten. Blair sei eine "lame duck", weil er mit einer schwachen Mehrheit wiedergewählt wurde und Schatzkanzler Gordon Brown im Nacken habe, heißt ein gängiges Argument bei EU-Parlamentariern. In der Europapolitik sei er kein "leader", sondern vielmehr ein Getriebener, der sich von Brown und vom englischen Revolverblatt "The Sun" treiben lasse. So weit die Meinung vieler Abgeordneter - übrigens auch britischer. Nur deutsche Konservative reden etwas positiver - weil sie wissen, dass eine Kanzlerin Merkel im Herbst nolens volens mit Blair zusammenarbeiten muss.

Umso vernichtender fällt die Meinung von Kommissionsbeamten aus - und zwar quer durch alle Nationalitäten. Blair sei unberechenbar und hinterhältig, hört man von Brüsseler Behördenmenschen. Schließlich habe er 2002 den EU-Agrarkompromiss unterschrieben, der die Subventionen bis 2013 regelt. Und erst zwei Wochen vor dem gescheiterten Finanzgipfel Mitte Juni habe er die Forderung aus dem Hut gezaubert, die Agrarpolitik grundsätzlich zu überdenken und die Mittel radikal zusammenzustreichen. "So what is the fuss about....?" fragt selbst Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel - eine Dänin, die britischem Denken gemeinhin nicht abgeneigt ist.

Besonders tief sitzt der Frust aber wohl bei den Diplomaten. Deutsche, Franzosen und Luxemburger schimpfen natürlich besonders heftig über den Briten - schließlich waren sie beim EU-Finanzgipfel zum Kompromiss bereit, und Blair ließ sie eiskalt auflaufen. Doch selbst aus Irland und Polen kommen kritische Töne. Blair stehe mit seiner Reform-Agenda ziemlich allein, am Ende werde ihm wohl niemand folgen, meinen Diplomaten aus Dublin. Der Brite sei längst nicht mehr der gefeierte Held der Polen, sagen Experten aus Warschau. Alte Hasen erinnern zudem daran, dass Blair infolge des Irakkriegs viele europafreundliche Londoner Diplomaten vergrätzt habe - allen voran Robin Cook, den ehemaligen Außenminister.

Das britische EU-Team sei heute noch europakritischer als die Mannschaft unter Ex-Premier John Major, hörte ich noch gestern auf einem Empfang. Wie zur Bestätigung brachte die britische "FT" heute auf Seite eins einen Bericht über den "bürokratischen Alptraum" in Brüssel. Die Quelle ist niemand Geringeres als Jim Dougal, der ehemalige Chef der EU-Kommissionsvertretung in London...

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