Blairs Kehrtwende
Die Geister, die ich rief ...

Die Politik-Lehrbücher müssen umgeschrieben werden: Ausgerechnet Tony Blair, der Meister des "Spin", der schnellen Reaktion auf öffentliche Stimmungen, des Pingpongs mit den Medien, ausgerechnet er beklagt die moderne Dauer-Erregung in Politik und Medien als schädlich für die Demokratie.

LONDON. "Das Verhältnis zwischen Politik und Medien ist so beschädigt, dass es der Reparatur bedarf", mahnt der britische Premierminister zwei Wochen vor dem Ende seiner zehnjährigen Amtszeit. "Der Schaden unterminiert das Selbstvertrauen des Landes und seine Institutionen, und er reduziert die Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen." Das sähen auch Führungskräfte aus Wirtschaft, Militär und gar Wohlfahrtsorganisationen so, sagt er. Es traue sich nur keiner, das offen zu sagen.

Die letzte seiner acht Reden über die Zukunft der Nation hält Blair in der Höhle des Löwen, in der Zentrale der Nachrichtenagentur Reuters im Londoner Bankenviertel Canary Wharf - vor Journalisten natürlich. Ihnen kreidet er an, dass sie immer hektischer reagierten, immer bedenkenloser Themen hochpeitschten und immer schamloser auf den Bauch statt das Hirn des Publikums zielten. Wenn die Medien die wachsende Politikverdrossenheit kritisierten, dann müssten sie bei sich selber nach den Ursachen suchen.

Doch während die Briten bisher vergeblich auf Selbstkritik in Sachen Irak warten, beim Thema "Spin" bekommen sie sie: "Ich gestehe meine Komplizenschaft ein", sagt Blair. "In den frühen Tagen von New Labour haben wir unangemessen stark die Medien hofiert." Damit habe man riskiert, die Trends, die er nun beklage, zu befeuern. Eine Lösung hat Blair nicht zu bieten, das ist auch nicht mehr seine Aufgabe. Er deutet nur an, dass ein neuer Regulierungsansatz nötig sei. Die Debatte müsse aus der Medienbranche selber kommen - "wenn die Politik sie startet, wird sie sie verlieren".

Eine Frage lässt Blair jedoch unbeantwortet: Was macht er nach dem Sommerurlaub? Wird er eine Art Uno-Sonderbeauftragter für den Klimaschutz oder für Afrika, oder steigt er bei Bill Clinton ein? Blair wolle unbedingt noch etwas zum Wohl der Menschheit beitragen, heißt es in seinem Umfeld. Gattin Cherie sorge sich aber mehr wegen der angeblich 30 000 Euro, die die Blairs im Monat für ihre Hypothekenkredite aufwenden müssen. Doch da sollte der Vorschuss für die Memoiren helfen - von zwölf Millionen Euro ist die Rede. Für Reden dürfte Blair demnächst 150 000 Euro verlangen, und der eine oder andere Berater- und Aufsichtsratsposten wird wohl auch drin sein. Eins sei klar, seufzt der frühere Medien-Magier zum Schluss: "Ich werde noch oft über meine Außenpolitik diskutieren müssen."

Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann
Handelsblatt / Chefökonom
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