Blatter fühlt sich zu Unrecht in die Enge getrieben
Fifa-Präsident im Visier der Denunzianten

Joseph Blatter ist die wohl fragwürdigste Persönlichkeit des Weltfußballs. Derzeit wird der Fifa-Präsident erneut mit diversen Vorwürfen konfrontiert. Dazu wird er sich am Mittwoch in einer Sondersitzung des Verbandes äußern. Vermutlich wird Blatter auch diesen Sturm überstehen.

Krisengipfel. So steht es als Schlagwort über dem Treffen der wichtigsten Funktionäre des internationalen Fußballs. Vor der dreitägigen Sondersitzung des Exekutivkomitees des Internationalen Fußball-Verbandes Fifa ab Mittwoch in der feudalen Residenz in Zürich schürten neue Meldungen, nach denen Fifa-Präsident Joseph Blatter bei seiner Wahl zum Verbandsvorsitzenden Betrug vorgeworfen wird, eine latente Unruhe. Nur durch Schmiergeldzahlungen habe der Schweizer im Juni 1998 den Favoriten Lennart Johansson bei der Abstimmung in Paris besiegt.

Es stehen viele offene Fragen zur prekären Finanzsituation der Fifa, die durch den Konkurs des langjährigen Marketing-Partners ISL/ISMM im Mai 2001 hart getroffen wurde, auf der Agenda. Blatter, heißt es aus der Europäischen Fußball-Union Uefa, habe einen Verlust von 35 Millionen Euro beim ISL-Konkurs zu verantworten. Er versuche aber die Lage zu beschönigen und Fakten zu verschleiern. Blatter, der es kennt, in die Enge getrieben zu werden, hat zu Wochenanfang die Vorwärtsverteidigung aufgenommen. Gegen ihn finde eine "Diffamierungs- und Destabilisierungskampagne" statt, sagte der 66-Jährige. Drahtzieher wäre zum wiederholten Male Uefa-Präsident Lennart Johansson.

13 der 24 Mitglieder haben die Außerordentliche Sitzung des Fifa-Vorstandes bis Samstag veranlasst. Die Vorbereitung auf das Meeting wirkte aufgeregter als üblich. Doch schon seit Mitte der 90er Jahre sprechen selbst Beteiligte, wenn sie die Beziehung von Uefa und Fifa skizzieren, vom "Krieg der Verbände". Im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen steht regelmäßig der kleine Walliser Blatter.

Ein Blick zurück zeigt, wie wendefähig er ist. Fast ein Vierteljahrhundert führte Blatter als Generalsekretär des skandalumwitterten Präsidenten Joao Havelange aus Brasilien die Geschäfte der Fifa. Als Brasilianer, der den Verband wie ein Pate führte, in der Uefa keinen Rückhalt mehr fand, sah Blatter den Zeitpunkt zum Karrieresprung gekommen. 1994 in Chicago vor der WM in den USA trat er als von der Uefa geförderter Kandidat gegen Havelange bei der Präsidentenwahl an. Gegen den gewieften Südamerikaner war auch der Strippenzieher Blatter chancenlos. Fortan setzte er auf die Taktik, den alternden Havelange mit dessen Einverständnis abzulösen. Dazu musste der Schweizer sich gegen die Uefa stellen.

Blatter, so heißt es, habe inzwischen eine "zweite Regierung" aus loyalen Kräften gebildet. In der Zentrale in Zürich, berichten entnervte Mitarbeiter, würden verfeindete Stäbe arbeiten. Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen hat sich offenbar von seinem Chef emanzipiert und leistet bisweilen Widerstand. Das soll dazu geführt haben, dass Zen-Ruffinen nicht mehr in alle Vorgänge eingeweiht wird.

Kritische Auseinandersetzungen in der Fifa wurden bisher durch üppige, teilweise flächendeckende Geldflüsse im Keim erstickt, behaupten Blatter-Widersacher. 1999 ließ der Präsident jedem der mehr als 200 Mitgliedsverbände 1,13 Millionen Euro zukommen. Jeder Kontinental-Dachverband erhielt 11,3 Millionen Euro. Die Aufwandsentschädigung für die Mitglieder der Fifa-Exekutive, der seit Juni 2000 auch wieder der umstrittene DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder angehört, wurde auf rund 55 000 Euro pro Jahr erhöht. Unbekannt ist nach wie vor die Apanage, die sich Blatter selbst zugesteht. Er genehmige sich einen Betrag von mehr als zwei Millionen Euro, hieß es aus Uefa-Kreisen.

Rund 120 der 204 Fifa-Mitgliedsverbände, darunter auch der Deutsche Fußball-Bund, hätten ihm schriftlich mitgeteilt, "dass sie sich meine Person als Präsident wünschen", ließ Blatter nunmehr mitteilen. Die Korruptionsvorwürfe, die der zwielichtige somalische Verbandspräsident Farah Addo gegen ihn erhoben habe, seien völlig aus der Luft gegriffen. Addo hatte behauptet, Mohammed Bin Hamann aus Katar habe viele Delegierten des Fifa-Wahlkongresses vor vier Jahren mit Dollarbarzahlungen bestochen, damit sich Blatter durchsetzen würde.

Tatsache ist, dass die afrikanischen Parteigänger verstimmt über Blatter sind. Sie sehen sich von dem Schweizer persönlich getäuscht, weil er ihnen den Zuschlag für die WM 2006 versprochen hatte. Auch die Asiaten sind auf Distanz zu Blatter gegangen. Sie verließen schon geschlossen den Kongress in Los Angeles vor drei Jahren, weil Blatter die versprochene Zahl von asiatischen WM-Teilnehmerländern nicht einhalten konnte. Die möglichen Gegenspieler Issa Hayatou (Kamerun) und Chung Mong-Joon (Südkorea), die Blatter als Präsident am 29. Mai in Seoul ablösen könnten, erhalten zwar Zuspruch aus aller Welt, vor allem von der Uefa, aber sie haben noch keine Kandidatur eingereicht. Dies müsste bis zum 28. März geschehen.

Blatter reagierte gelassen. Er glaubt, dass die Opposition nicht schlagkräftig genug ist: "Es scheint, dass meine Gegner keinen fähigen Kandidaten für die Wahl haben. Deshalb machen sie alles, um mir mein Amt zu verleiden."

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