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Blauer Dunst

"To nefos", wie die Athener die berüchtigte Smogwolke nennen, die in den 80er und 90er Jahren immer wieder den Himmel über der Akropolis verdunkelte und den Parthenon in einen Grauschleier hüllte, scheint besiegt.

"To nefos", wie die Athener die berüchtigte Smogwolke nennen, die in den 80er und 90er Jahren immer wieder den Himmel über der Akropolis verdunkelte und den Parthenon in einen Grauschleier hüllte, scheint besiegt. Katalysatoren, reinere Kraftstoffe und strengere Auflagen für die Industrie haben "to nefos" vertrieben. In den späten 80er und frühen 90ern hatten wir rund ein dutzend Mal pro Jahr Smogalarm. Der letzte liegt so lange zurück, dass ich mich gar nicht dran erinnern kann.

Was aber nicht heißt, dass man in Athen jetzt durchatmen kann. Ihrer Leidenschaft für blauen Dunst haben die Griechen nämlich noch nicht abgeschworen. Sie sind die stärksten Raucher Europas. Auch wer das Laster nicht teilt, hat dennoch Anteil daran. In Athen rauchen alle - die meisten aktiv, die anderen passiv. Nichtraucherzonen? Die schreibt das Gesetz zwar vor. Aber in den meisten Restaurants und Cafes sucht man sie vergeblich. "Sie können überall sitzen", sagt der Kellner, wenn man nach einem Nichtrauchertisch fragt. Rauchverbot im Taxi? Das gilt nur für die Passagiere. Viele Fahrer paffen ungestört eine Zigarette nach der anderen. "Wenn Dir was nicht passt, kannst Du aussteigen", schnauzte mich kürzlich ein Taxifahrer an, als ich ihn höflich bat, mich nicht einzunebeln.

Anti-Raucher-Kampagnen zeigen in Griechenland keinerlei Wirkung. Nur fünf Prozent der Raucher haben in den vergangenen Jahren ihren Konsum eingestellt. 51 Prozent der griechischen Männer rauchen im Durchschnitt 18 Zigaretten am Tag, 39 Prozent der Frauen konsumieren durchschnittlich 15 Glimmstängel.

Auch die meisten meiner hiesigen Berufskolleginnen und Kollegen sind passionierte Tabakfreunde. Auf Pressekonferenzen in Griechenland bleibt einem die Luft weg - nicht wegen sensationeller Enthüllungen, sondern weil fast alle qualmen. Wenn es Rauchverbotszeichen gibt, werden sie ignoriert.

Zu den wenigen ausländischen Diplomaten, die in ihren Residenzen ein Rauchverbot durchsetzten, gehörte vor einigen Jahren US-Botschafter Nicholas Burns. "Thank you for not smoking in our home" stand auf einer Tischkarte am Eingang der Botschaftervilla im Athener Stadtteil Kolonaki. Bei Empfängen versuchten einige ganz unerschrockene griechische Gäste, sich in den weitläufigen Garten der Residenz zu stehlen, um den sinkenden Nikotinspiegel nach oben zu bringen. Doch selbst dort wurden die Raucher von Sicherheitsbeamten aufgespürt und abgemahnt. Burns ist inzwischen Under Secretary im Washingtoner State Department, einer total rauchfreien Zone.

Auch viele griechische Politiker rauchen. Bis vor einigen Jahren stiegen sogar im Plenarsaal der Vouli, des Athener Parlaments, Rauchwolken auf. Inzwischen herrscht dort Rauch- und Handyverbot. Umso mehr wird in der Lobby gepafft und telefoniert.

Auch der griechische Regierungssprecher Theodoros Roussopoulos, ein Frühaufsteher, der strikt Diät hält und Alkohol meidet, hat ein Laster: er raucht. Der frühere TV-Moderator ist aber stolz darauf, dass es von ihm bisher keine Fotos oder Fernsehbilder mit Zigarette gibt, obwohl er auf Empfängen fast ständig von Reportern umringt ist. Wenn er sich eine Zigarette anstecken will, kündigt er das vorher an: "Kinder, kann ich jetzt mal eine rauchen?" Das ist das Signal für die Fotografen, den Finger vom Auslöser zu nehmen. Sie tun es gern. Schließlich müssen auch sie rauchen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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