Bleibst du hier, oder gehst du?
Kunst gegen Krise

Die Aktion "Georg Baselitz auf der Seite 1 des Handelsblatts" wird aus Pietätsgründen auf Dienstag den 10. Juni verschoben: Zusammen mit Deutschlands führender Wirtschafts- und Finanzzeitung setzt einer der profiliertesten zeitgenössischen Künstler damit ein Signal gegen die depressive Stimmung im Land. Mit dem Weekend Journal sprach er über deutsche Kunst, den Zustand der Republik und seine Art zu arbeiten.

Handelsblatt: Herr Baselitz, wie fühlen Sie sich auf der Seite 1 im Handelsblatt ?

Baselitz: Das ist ein sehr gewagtes Unternehmen. Ich finde das eine ganz aufregende Sache. Das muss nicht unbedingt positiv sein für das Blatt. Unter einer Lithographie zu meinem Bild "Einer malt mein Porträt" steht die offene Zeile: "Wohin geht die Reise, lieber Leser?". Eine Zeile, die etwas fragt und die Antwort schuldig bleibt, aber vielleicht nachdenklich macht.

Worüber müsste man hier zu Lande nachdenken?

Wir haben eine Situation nicht der Stagnation, sondern des schnellen Abgangs, Niedergangs, Untergangs vielleicht. Und dann tauchen eben auch bei mir, dem Künstler, der sich lose in der Welt fühlt, dieselben alten Fragen auf: Bleibst du hier, oder gehst du? Ich kann gar nicht mehr gehen, weil der Anker, den ich hier geworfen habe mit Haus und Atelier, festsitzt. Das kann ich nicht abtrennen.

Warum haben Sie denn gerade das Motiv "Einer malt mein Porträt" für die Seite 1 des Handelsblatts ausgesucht?

"Einer malt mein Porträt" ist wiederum so etwas wie eine Frage. Es ist ein Selbstporträt. Ich habe eine Mütze auf, weiß. Auf dieser Mütze erscheint ein Anker - das gehört auf so eine Mütze wie bei Hans Albers als Seemann. Ich habe dieses Selbstporträt wenig optimistisch gemacht, es sieht ein bisschen desolat aus. Aber es zeigt ja auch ein ganz bestimmtes Alter, wo man ein bisschen desolat wirkt.

Kann man das sagen, der Zustand der Welt spiegelt sich auch im Selbstporträt?

Ein Künstler ist kein Journalist. Und er reagiert nicht so, wie erwartet wird. Ich auch nicht. Aber Reaktionen gibt es allemal. Natürlich kann ich, selbst wenn ich Landschaften liebe, einen Baum sterbend malen oder lebend. Bei mir sind diese Aussagen nicht zufällig. Als ich einen neuen Typen oder Helden gemalt habe 1965, habe ich das auch nicht zufällig gemacht.

Verstehen Sie sich als politischer Künstler?

Nein, das machen andere. Ich bin durchaus bereit zu schimpfen, sehe Elend oder habe Freude. Insofern schon politisch. Aber meine Äußerungen sind es nicht.

Was braucht die Politik, um aus dem aktuellen Jammertal herauszukommen?

Die Verteilung ist falsch. Früher sagte man, ein Politiker muss eine reine Weste haben. Die Politiker, die uns regieren, sind in schmutzigen Latzhosen angetreten und haben jetzt weiße Westen angezogen. Ich finde, das geht so nicht. Jeder dieser Politiker hat eine politische Vergangenheit, als Steinewerfer zum Teil. Diese politische Vergangenheit haben sie vertuscht und verraten. Jetzt messen sie sich an ihren innerparteilichen Erfolgen.

Im Osten war es so, dass man immer sagte, der Blödste aus der Schule geht zur Armee. Und dort wird er Politoffizier. Und dann verteilt er sozialistisch um und löffelt die Sahne von der Milch. Dieses System haben wir jetzt auch. Das finde ich grauslig, das kann so nicht weitergehen. Früher wurde gesagt, die kapitalistische Wirtschaft sei krank, weil sie Milch ins Meer kippt, um den Preis zu halten. Heute ist Milch billiger als Wasser. Jetzt müsste man das Meer in die Milch kippen - auch so eine Umkehrung.

Adler, Heldenbilder, die Serie 45, das sind deutsche Themen. Sehen Sie sich als deutscher Künstler?

Ich bin Deutscher, ich bin wirklich ein deutscher Künstler. Am Anfang war es unvorstellbar für mich, dass ich außerhalb Deutschlands ein Bild zeigen, geschweige denn verkaufen kann. Es hat sich ergeben, dass das Interesse außerhalb Deutschlands für meine Arbeiten sehr groß ist. Trotz der ständigen Rederei, es gebe das Universelle in der Kunst, oder Kunst sei multikulturell. Kunst ist was sehr Persönliches und in diesem Persönlichen limitiert und begrenzt. Gerade das ist interessant an der Kunst.

Was ist deutsch in Ihrer Kunst?

Deutsche Kunst zeichnet sich durch ihre Eigenarten aus: Primitivität, Expressivität, Religiosität, Weltanschauliches. Irgendwann hat mich das interessiert, weil Vorwürfe kamen. Ich hab mich gewehrt, mit dem Expressionismus in Verbindung gebracht zu werden. Für mich ist der Expressionismus eine Weltanschauung, und die habe ich nicht. Dann merkte ich, dass man gar nicht den Inhalt, sondern meine Strichführung, das Äußere eines Bildes, meinte. Okay, so bin ich Deutscher, von mir aus auch Expressionist.

Was ist das größte Missverständnis, das man Ihrer Kunst entgegenbringt?

Brutalität. In meiner Arbeit bin ich sehr sensibel. Und natürlich bin ich aggressiv.

Welche Rolle spielt in Ihrem Gesamtwerk die Grafik?

Eine große. Im Winter repetiere ich das, was ich das Jahr über gemacht habe in Radierungen, Lithos und im Holzschnitt.

Leinwand an der Wand oder auf dem Boden, wie entscheiden Sie?

Ich arbeite ja verkehrt herum. Die Absicht ist, das Bild verkehrt herum vorzuzeigen. Früher musste ich beweisen, dass ich das kann wie ein Artist den doppelten Salto. Aber in den letzten Jahren liegt die Leinwand auf dem Boden ohne Keilrahmen. Ich laufe drüber und arbeite auf dem Boden liegend. Man arbeitet ja ohnehin nicht als Projektor, sondern immer in Details. Nur: Wichtig ist, dass das Bild dann im Ergebnis verkehrt rum an der Wand hängt.

Wie arbeiten Sie, nach Lust und Laune oder nach der Uhr?

Nicht nach Uhr, aber doch recht diszipliniert. Es gibt Zeiten, wo ich absolut durchhänge. Die gab es früher mehr als jetzt. Es gibt jetzt viel mehr Disziplin.

Arbeiten Sie gleichzeitig auch in den verschiedenen Medien?

Eine Skulptur mache ich immer dann, wenn ich keine Bilder male. Ich bin nicht sehr sportlich, nicht gut trainiert. Wenn ich Skulpturen mache, bin ich physisch verbraucht für jede andere Arbeit. Und auch die Grafik ist so eine eigenbrötlerische Sache, die ich im Winter mache, daneben nur die Zeichnungen.

Hat der eilige, von Medien reizüberflutete Mensch heute noch die Muße, so ein ausgefeiltes Kolorit wie auf Ihren Bildern zu schätzen?

Unbedingt, gerade diese Überreizung macht Bilder ganz wichtig. Ich habe niemals so viele Menschen in den Museen gesehen wie jetzt.

In Düsseldorf wird Ihre Sammlung afrikanischer Kunst zu sehen sein. Weshalb sammeln Sie Afrikanisches?

Fast alle Künstler sind umtriebig in Afrika, Asien oder bei indischen Miniaturen. Um Spaß zu haben oder als Legitimation im Hintergrund. Es ist nicht so, dass afrikanische Skulpturen für mich Modelle wären für meine eigene Arbeit. Diese afrikanischen Skulpturen haben mit unserer Kultur zu tun, stellen aber einen weit zurückliegenden Standard dar. Ein unveränderter Archetypus. Das gibt es in der westlichen Kunst nicht mehr. In der westlichen Kunst geht es um die ständige Erneuerung.

Wenn jetzt ein neuer Auktionskatalog afrikanischer oder manieristischer Kunst geliefert wird, wie blättern Sie dann durch?

Gierig.

Das Gespräch führten Christian Herchenröder und Susanne Schreiber.

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