Blick auf die Nachbarn
Die Schweden haben die Wahl

Bertil Lindroth hat keine Wahl: "Ich muss noch lange arbeiten", sagt der 45-jährige Handwerker aus einem Stockholmer Vorort.

hst STOCKHOLM. Auch nach rund 45 Berufsjahren wird die Rente kaum ausreichen, um den Lebensabend ohne massive Einschnitte genießen zu können. Das Geld reicht einfach nicht, zumal im Hochsteuerland Schweden die indirekten Steuern weiter erhöht wurden. Lindroth muss arbeiten, bis er 66 ist, damit das Loch in der Kasse überschaubar bleibt.

Grund ist die 1999 verabschiedete Rentenreform: Sie sieht für alle nach 1954 geborenen Arbeitnehmer vor, dass sie 18,5 % des Gehalts an Rentenbeiträgen zahlen. 16 % werden für die Finanzierung der heutigen Renten verwendet, sind also Teil des traditionellen Umlagesystems. Neu ist der kapitalgestützte Teil der eigenen Rente, der 2,5 % ausmacht. Jeder Arbeitnehmer muss seit 2000 bis zu fünf Fonds wählen, in die er einmal pro Jahr die aufgelaufenen 2,5 % seines Bruttogehalts investiert - eine zwingend vorgeschriebene schwedische Form der Riester-Rente. Das Risiko liegt beim Arbeitnehmer: Hat er unter den angebotenen 450 Fonds die "falschen" ausgewählt, wird seine Rente niedriger ausfallen. Allerdings kann die Auswahl jederzeit modifiziert werden.

Gerade diese größere Wahlfreiheit wurde den Schweden vor drei Jahren als Vorteil verkauft. Heute sind viele klüger, denn angesichts der trüben Börsenentwicklung haben die Renteneinzahler mehrere Milliarden Kronen verloren. Ob sich diese Verluste noch einmal ausgleichen lassen, weiß niemand.

Die Zahlungen aus den Fonds könnten bei guter Fondswahl später bis zu einem knappen Drittel der gesamten Rente ausmachen. Der Rest, die so genannte Grundrente, kommt aus dem umlagefinanzierten Teil. Allerdings werden bei der Grundrentenberechnung nur Jahreseinkommen bis knapp 32 000 Euro berücksichtigt. Wer mehr verdient, zahlt zwar auf das reale Bruttogehalt seine Beiträge, erhält aber nur auf die maximal 32 000 Euro seine Rente. Diese muss zudem wie ein normales Einkommen versteuert werden. Die Rentenreform sieht ein "flexibles Rentenalter" vor, oder, wie es Karin Frank aus dem Arbeitsmarktministerium ausdrückt: "Jeder soll arbeiten, so lange er will".

Bis vor zwei Jahren kannte Schweden diese "Freiheit" nicht. Abgesehen von konjunkturabhängigen Möglichkeiten der vorzeitigen Pensionierung galt für alle das 66. Lebensjahr als Startpunkt für den Ruhestand. Mit der Reform wurde ein flexibles Rentenalter ab 61 Jahren ohne Altersgrenze eingeführt. Allerdings: Wer schon mit 61 in Pension geht, bekommt nur 70 % des Betrags ausgezahlt, den er mit 65 erhalten hätte. Diejenigen, die bis 70 weiterarbeiten, bekommen dagegen 162 % der ursprünglichen Rente. Im alten umlagefinanzierten System erhielt ein Arbeitnehmer vom 66. Lebensjahr an rund 60 % der besten 15 Einkommensjahre als Rente.

Trotz "Jahrhundertreform" warnen schwedische Sozialpolitiker vor allzu großem Vertrauen in das neue System. Eine zusätzliche private Rentenversicherung wird dringend empfohlen.

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