„Blinder Aktionismus könnte uns schaden“: Erwartung auf baldige Zinssenkung gedämpft

„Blinder Aktionismus könnte uns schaden“
Erwartung auf baldige Zinssenkung gedämpft

EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing hat Erwartungen zurückgewiesen, die Europäische Zentralbank (EZB) werde mit einer baldigen Zinssenkung auf den Beginn des Irak-Krieges reagieren.

rtr FRANKFURT. "Blinder Aktionismus könnte uns schaden", sagte Issing in einem am Samstag vorab veröffentlichten Interview der "Welt am Sonntag". "Hier und dort scheint die Vorstellung zu herrschen: Der Krieg beginnt - die Notenbank senkt die Zinsen. Vor einer derart simplen Denkweise kann ich nur warnen." Der psychologische Schaden wäre am größten, "wenn Aktionen der Notenbank als unwirksam oder gar verfehlt beurteilt werden".

Notfalls werde die EZB allerdings "entschlossen" handeln, bekräftigte Issing. "Sollte es plötzliche Liquiditätsengpässe geben, wird die Notenbank unverzüglich mit geeigneten Maßnahmen reagieren."

Die Zentralbank hatte Anfang März ihren Leitzins um 25 Basispunkte auf 2,5 % gesenkt. Analysten rechnen bislang mit weiteren Zinssenkungen der EZB im April oder Mai. Nur wenn es zu einer extremen Krisensituation für Banken und Finanzmärkte käme, die mit dem 11. September 2001 vergleichbar wäre, seien spontane konzertierte Aktionen der Notenbanken denkbar, hieß es bei den Experten. Als nach dem Einsturz des World Trade Center in New York viele Handelssysteme ausgefallen waren, hatte die EZB zusätzlich Geld und Devisen bereitgestellt. "Ich rechne nicht mit einer Wiederholung dieses Ereignisses, aber für die Finanzwelt resultiert aus dieser Erfahrung eine große Beruhigung", sagte Issing.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) forderte die EZB unterdessen zu weiteren Zinssenkungen auf. Die Notenbank solle das Zinsniveau noch einmal um bis zu 50 Basispunkte herabsetzen, sagte DIW-Chef Klaus Zimmermann der "Stuttgarter Zeitung" (Samstagausgabe). Dies solle "aber nicht wegen des Kriegs, sondern aus konjunkturellen Gründen" geschehen.

Issing sieht keine Rezession in Europa. "Wir sind nicht am Rande der Rezession, aber in einer Phase ausgeprägt schwachen Wachstums. Wir erwarten jedoch nach wie vor, dass sich das Wachstum in der zweiten Jahreshälfte 2003 beschleunigt, vorausgesetzt natürlich, der Krieg ist nach relativ kurzer Dauer zu einem guten Ende gekommen."

EZB-Ratsmitglied Matti Vanhala hatte sich am Freitag zufrieden mit den Reaktionen der Finanzmärkte auf den Beginn des Irak-Krieges gezeigt. "Die Erwartung muss sein, dass sie weiterhin ohne besondere öffentliche Unterstützung oder Reaktion funktionieren werden", hatte er in einem Reuters-Interview gesagt.

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