Blitzumfrage: 77 Prozent der Befragten fordern die Todesstrafe
Amerika debattiert über "Taliban John"

Ist "Taliban John" ein Landesverräter und verdient er daher den Tod? Oder muss man Mitleid haben mit dem "armen Kerl", wie Präsident George W. Bush den 20-jährigen genannt hat? Diese Frage rückt in den USA immer mehr in den Vordergrund, je näher die Stunde rückt, in der sich das Schicksal des gefangenen Taliban-Kämpfers mit dem amerikanischen Pass entscheiden wird.

dpa WASHINGTON. Bush wolle das heiße Eisen erst nach einer sorgfältigen und methodischen Beweisaufnahme anfassen, versicherte sein Sprecher Ari Fleischer. "Es handelt sich um außerordentliche Umstände - ein Amerikaner, der anscheinend in Afghanistan am bewaffneten Kampf gegen die Vereinigten Staaten von Amerika beteiligt war."

Blitzumfrage

In einer Blitzumfrage des Nachrichtensenders CNN haben die US-Bürger John Philipp Walker Lindh schon schuldig gesprochen. 77 % fordern, ihm wegen Verrats den Prozess zu machen. Darauf steht die Todesstrafe. Der letzte Zivilist wurde 1952 deswegen verurteilt, der Amerikaner japanischer Abstammung Tomoya Kawakita.

23 % plädieren für eine weniger harten Anklage. Dazu neigen Presseberichten zufolge auch die Bush-Berater. Obwohl nichts ausgeschlossen werde, favorisierten sie eine Anklage wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Darauf steht lebenslange Haft. Einer der Gründe: Ein Hochverratsprozess würde aus Walker nur einen "Märtyrer in den Medien" machen. Überdies sei ein solcher Vorwurf nicht leicht nachzuweisen. Laut Verfassung sind mindestens zwei Augenzeugen oder ein volles Geständnis erforderlich, um Walker zu überführen.

Fest steht, dass sich der Kalifornier der Sache des Terroristenchefs Osama bin Laden verschrieben hatte. Er gehörte nach eigenen Angaben sechs Monate lang zu der Bin Laden-Kampftruppe "Ansar" (Helfer), um am "Heiligen Krieg" teilzunehmen. Das sei "definitiv" die richtige Sache, sagte er in einem CNN-Interview. Als einer von nur 86 Gefolgsleuten des saudischen Millionärs fiel er nach der Gefangenenrevolte bei Masar-i-Scharif lebend in die Hände der afghanischen Nordallianz. An der Revolte habe er sich aber nicht beteiligt, sagte Walker alias Abdul Hamid. Sie sei ein Fehler gewesen. Er habe sich in einem Gefängnisstollen verborgen gehabt. Bei der Rebellion war der CIA-Offizier Mike Spann getötet worden.

"Verführter jugendlichen Schwärmer"

Seine Eltern sehen in ihm einen verführten jugendlichen Schwärmer. Auch der frühere Sonderstaatsanwalt Kenneth Starr, der Ex-Präsident Bill Clinton unnachsichtig in der Lewinsky-Affäre verfolgte, nannte Walker einen "Jungen mit fehlgeleitetem Idealismus". Er war nach der Lektüre eines Buches über den radikalen Schwarzenführer Malcolm X zum Islam übergetreten und hatte im Alter von 18 Jahren religiöse Studien im Jemen und Pakistan begonnen.

Derzeit bewegt sich der bärtige, langhaarige und durch eine Verwundung geschwächte Mann an Bord des US-Kriegsschiffs "Peleliu" im Arabischen Meer durch "legales Niemandsland". Rechtlicher Beistand ist ihm verwehrt. Das stehe in Einklang mit der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen, sagte Präsidentensprecher Ari Fleischer.

Nach Auffassung juristischer Fachleute gibt es außer der Hochverrats- und der Helfershelfer-Anklage eine weitere Möglichkeit für die US-Regierung, gegen Walker vorzugehen: Sie kann ihm die Staatsbürgerschaft wegen Zusammenarbeit mit dem Feind aberkennen. Das könnte ihn vor ein Militärgericht bringen, das Bush für ausländische Terrorverdächtige vorgesehen hat. Auch dort endete der Weg bei einem Schuldspruch mit der Hinrichtung.

George Bush senior, der Vater des Präsidenten, wartete mit dem originellen Rat auf, "Taliban John" als bußfertigen Sünder durch die USA ziehen zu lassen. "Ich dachte an eine einzigartige Strafe", sagte er im TV-Programm "Good Morning America". "Lasst ihn die Haare so tragen wie bisher und sein Gesicht so schmutzig bleiben, wie es ist, und lasst ihn im Land herumwandern und herausfinden, welche Sympathien er finden kann." Doch dafür müsste er erst einmal wieder frei sein.

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