Archiv
Blühende Tulpen und die Erinnerung an das Kriegsende

Eigentlich sollte Kanadas Premierminister Paul Martin bereits jetzt in Europa sein, um an den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes teilzunehmen.

Eigentlich sollte Kanadas Premierminister Paul Martin bereits jetzt in Europa sein, um an den Gedenkfeiern zum 60. Jahrestag des Kriegsendes teilzunehmen. Weil aber die Opposition jederzeit seine liberale Minderheitsregierung stürzen könnte, sagte er die geplante Europareise ab und verordnete auch seinen Ministern und Abgeordneten Anwesenheitspflicht. Erst die Enttäuschung der kanadischen Kriegsveteranen nährte bei ihm und den Oppositionspolitikern die Einsicht, dass ein historisches Ereignis wie dieser Jahrestag nicht völlig parteitaktischen Spielchen zum Opfer fallen darf. Am Sonntag wird Martin mit den Vorsitzenden der drei Oppositionsparteien nun doch zum Abschluss der Gedenkfeiern in die Niederlande fliegen.

Einige Vertreter von Kanadas Kriegsveteranen empfanden die Entscheidung der Regierung, an den Gedenkfeiern in Europa nicht teilzunehmen, als Beleidigung. Am 1. Mai war eine Veteranendelegation unter Führung der für "Veterans Affairs" zuständigen Ministerin Albina Guarnieri in den Niederlanden eingetroffen, um der Befreiung Hollands von der Nazi-Okkupation zu gedenken. Aber kaum hatte die Ministerin holländischen Boden betreten, ereilte sie der Rückruf aus Ottawa.

Die Befreiung der Niederlande hat für Kanada eine besondere Bedeutung. Meist hatten kanadische Soldaten im Krieg an der Seite oder unter Kommando einer größeren Streitmacht gekämpft, und ihre Beteiligung wird oft übersehen und verschwiegen. Bei den Kämpfen in den Niederlanden aber fiel kanadischen Truppen eine eigenständige Rolle zu. Für Holland waren die Kanadier "die Befreier", und so werden bis heute Veteranen gefeiert, wenn sie an die Kriegsstätten zurückkehren. Etwa 7600 Kanadier kamen bei den Kämpfen 1945 ums Leben. Das Gedenken auf kanadischen Soldatenfriedhöfen in Holland ist in diesem Jahr besonders emotional.

"Holland" ist in diesen Tagen aber auch in Ottawa präsent, nicht nur während der offiziellen Gedenkfeier in der Hauptstadt am 8. Mai. Hier findet jetzt wie jedes Jahr im Mai das Tulpenfestival statt. Tulpen in Ottawa? Ja, und nicht nur das: Das Ottawa Tulip Festival gilt als das weltweit größte Fest dieser Art. Auch dies hat etwas mit dem Krieg und den besonderen Beziehungen zwischen Kanada und den Niederlanden zu tun. Es ist eine Geschichte, die bei Besuchern aus Europa immer wieder Erstaunen auslöst.

Während des Zweiten Weltkriegs war Kanada Zufluchtsort für die damalige Prinzessin Juliana und ihre Familie. Nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen war die königliche Familie nach England geflohen. Im Juni 1940 ließ sich Juliana mit ihren beiden Töchtern Beatrix und Irene in Rockcliffe, einem heutigen Stadtteil Ottawas, nieder. Ihr Mann Prinz Bernhard pendelte zwischen Ottawa und London, wo Königin Wilhelmina und die niederländische Exilregierung amtierten.

Am 19. Januar 1943 wurde Prinzessin Margriet, die dritte Tochter von Juliana und Bernhard, in Ottawa geboren. Da nur derjenige in die Thronfolge eintreten kann, der auf niederländischem Boden geboren wurde, erklärte Kanadas Parlament das Zimmer im "Civic Hospital", in dem das Kind geboren werden sollte, für den Tag der Geburt zu niederländischem Territorium. An jenem Tag wehte erstmals und bisher zum einzigen Mal eine ausländische Flagge, die niederländische, über dem Parlament in Ottawa. Im April 1945 kehrte die Familie in ihre Heimat zurück.

Zu diesem Zeitpunkt war das Land bereits unter maßgeblicher Beteiligung Kanadas von den Nazis befreit. Als Dank hierfür und für die Gastfreundschaft, mit der die königliche Familie aufgenommen wurde, schickten die Niederlande 100.000 Tulpenzwiebeln nach Ottawa. Es blieb nicht bei einer einmaligen Geste: Alljährlich treffen 20.000 Tulpenzwiebeln aus den Niederlanden ein. Alljährlich wird im Mai das Tulpenfestival gefeiert. Nahezu zwei Millionen Tulpen erblühen dann in Ottawa.

In diesem Jahr steht das Festival unter dem Motto "Eine Feier von Frieden und Freundschaft" und ganz im Zeichen des Jahrestags des Kriegsendes. Schirmherrin des Fests ist Ihre Königliche Hoheit, Prinzessin Margriet der Niederlande. Sie erinnert in ihrem Grußwort an die Opfer der kanadischen Soldaten bei der Befreiung ihrer Heimat von deutscher Nazi-Besetzung vor 60 Jahren. Es sei aber auch der 60. Jahrestag des "Tulpengeschenks" des holländischen Volks für Kanada. "Wie ist dieses Geschenk der Freundschaft erblüht!" schreibt die Prinzessin.

Da mussten selbst Kanadas Politiker ihre Streitereien einstellen. Sie beschlossen eine zweitägige Waffenruhe. Am Sonntag fliegen Martin und die Vorsitzenden der drei Oppositionsparteien nach der Eröffnung des neuen Kriegsmuseums in Ottawa in die Niederlande, um wenigstens zum Abschluss der Gedenkfeiern in Holland anwesend zu sein. Am Dienstag kehren sie nach Kanada zurück, um ihren Kampf um die Macht fortzusetzen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%