Blutbad in israelischem Passagierbus
Die Saat der Gewalt ging auf

Die Saat der Gewalt ging früher auf, als selbst die schlimmsten Pessimisten es befürchtet hatten: Nur einen Tag nach dem gescheiterten israelischen Angriff auf den militanten Hamas-Führer Abdel Asis Rantisi in Gaza sprengte sich ein palästinensischer Selbstmordattentäter am Mittwochnachmittag in einem vollbesetzten Linienbus mitten in Jerusalem in die Luft und richtete ein Blutbad an. 16 Israelis starben mit dem jungen Mann, der sich als ultraorthodoxer Jude "getarnt" hatte. Dutzende erlitten zum Teil verheerende Verletzungen

dpa JERUSALEM. Die Reaktion Israels war kaum weniger verheerend. Zwei Apache-Helikopter feuerten, wieder mitten in Gaza, vier Raketen auf das Auto eines Hamas-Aktivisten. Mit ihm und seinem Beifahrer starben erneut sechs Passanten. Nur eine Woche nach dem Nahostgipfel

von Akaba sind die schönen Absichtserklärungen der Konfliktgegner damit bereits zu Makulatur geworden.

Die Kettenreaktion der Gewalt, die bereits mehr als 2 300 Palästinenser und über 700 Israelis das Leben gekostet hat, ist erneut außer Kontrolle geraten. Nach dem israelischen Angriff auf Hamas-Führer Rantisi brauchten die Extremisten ganze 24 Stunden, um ihren "zionistischen Feind" mit aller Härte zu treffen. Und Israels Ministerpräsident Ariel Scharon ließ sich auch durch die deutliche Kritik von US-Präsident George W. Bush am Vorgehen seiner Armee nicht einschüchtern: Es sei allein "Israels Sache, zu entscheiden, welche Schritte im Kampf gegen den Terror nötig sind", sagte er am Mittwoch vor seinen Ministern.

Den Vorwurf, dass der höchst umstrittene Raketenangriff gegen Hamas-Führer Rantisi den kaum in Gang gesetzten Friedensprozess im Keim erstickt hat, will Scharon nicht gelten lassen. "Die gestrige Sicherheitsaktivität", so hieß es in einer Erklärung, "war ein Test der Glaubwürdigkeit dieser Regierung und ihrer Erklärungen". Da nützte es nichts, dass der stark geschwächte palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas Scharon in Akaba um eine militärische Atempause gebeten hatte, um eine Waffenruhe mit den schwer bewaffneten Extremistengruppen auszuhandeln.

Selbst US-Präsident Bush, so berichtete die Tageszeitung "Haaretz" am Dienstag unter Berufung auf einen Gipfelteilnehmer von Akaba, habe die Israelis vergeblich gedrängt, dem von seinen Landsleuten fast als Verräter eingstuften Abbas durch militärische Zurückhaltung beizustehen. Stattdessen gab Scharon den Befehl zur Liquidierung von Hamas-Führer Rantisi. Auch Hamas-Gründer Ahmed Scheich Jassin stehe jetzt auf der Todesliste der Israelis, ließ die Armee danach wissen.

Was die rechts-dominierte Regierung Scharon mit dieser Politik erreichen will, ist noch nicht zu übersehen. Das Ergebnis ist dagegen klar. Die Bemühungen von Mahmud Abbas, sein Volk von der Notwendigkeit der Beendigung der bewaffneten Intifada zu überzeugen "haben einen kräftigen Schlag ins Gesicht erhalten", meinte "Haaretz" am Mittwoch. Die Raketen, die einen allzeit gewaltbereiten Hamas - Führer töten sollten, hätten in Wirklichkeit Abbas und auch Bush getroffen. Israel, so resümierte das kritische Blatt, "hätte den Gegnern des Nahost-Fahrplans gar nicht besser in die Hände spielen können".

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