Blutbad nach Gefangenen-Revolte bei Masar-i-Scharif
US-Marines machen Jagd auf bin Laden

Der Kampf um die letzte große Taliban-Hochburg droht zur blutigsten Schlacht im Afghanistan-Krieg zu werden. Die Gotteskrieger haben angekündigt, Kandahar mit bis zu 50 000 Mann bis zum Äußersten gegen die Truppen der USA und der Nordallianz zu verteidigen. Die USA sind bereits mit rund 1 000 Marines vor Ort.

HB DÜSSELDORF. US-Elitetruppen haben am Montag einen Flugplatz Osama bin Ladens bei Kandahar im Süden Afghanistan besetzt und damit einen ersten Brückenkopf für die Suche nach dem Moslem-Extremisten eingerichtet. "Wir sind gelandet und halten nun ein eigenes Gebiet in Südafghanistan", teilte US-General James Mattis auf dem US-Kriegsschiff "Peleliu" im Arabischen Meer mit. Von dort aus waren Hubschrauber mit Hunderten Marineinfanteristen gestartet. Nach Einschätzung der oppositionellen Nordallianz sind bin Laden und Taliban-Chef Mullah Omar von oppositionellen Kräften eingeschlossen und können sich nicht mehr frei bewegen.

Die USA leiteten mit der Verlegung eines größeren Kontingents von Bodentruppen eine neue Phase des Krieges ein. Zuvor hatte die US-Armee 49 Tage lang fast ausschließlich aus der Luft angegriffen. Unter dem Codenamen "Schneller Frieden" baue die Armee Bodentruppen auf und werde über die neue Basis im Süden Kandahars mehr Soldaten ins Land schicken, sagte US-General Mattis. US-Offiziere machten keine Angaben zur Zahl der Soldaten, sagten aber, es werde sich um eine "gewaltige Einheit" handeln.

Von dem Brückenkopf aus können die US-Streitkräfte nunmehr die Suche nach bin Laden am Boden verstärken und militärische Vorstöße auf die letzte Taliban-Hochburg Kandahar starten. Mit der Präsenz der US-Truppen sei der Druck auf die Stadt erheblich gewachsen und es sei davon auszugehen, dass auch die letzte Bastion der Taliban fallen werde, sagte der Taliban-Gegner Hamid Karsai. Nach elftägiger Belagerung war zuvor die nordafghanische Stadt Kundus in die Hände der Nordallianz gefallen, doch hielten dort Kämpfe an.

Taliban-Sprecher Maulwi Nadschibullah schloss eine Kapitulation der in Kandahar eingeschlossenen Kämpfer aus. Ihr möglicher Fluchtweg über Spin Boldak nach Pakistan wurde jedoch am Montag durch die Einnahme der Grenzstadt abgeschnitten.

Das 90 Kilometer südwestlich Kandahars gelegene Flugfeld Dolangi war nach Angaben aus US-Kreisen in der Nacht kampflos von den US-Soldaten eingenommen worden. Der ursprünglich von einem Scheich aus dem Nahen Osten für Jagdausflüge genutzte Flugplatz war im Auftrag bin Ladens erweitert worden, so das auch größere Maschinen auf der Piste landen können. Später sei es von seiner Gruppe El Kaida genutzt worden, teilten Bewohner der Region mit. Auch der Hubschrauber von Taliban-Chef Omar wurde dort noch vor wenigen Tagen gesichtet. Auch auf dem zehn Kilometer von Kandahar entfernt gelegenen Flughafen der Stadt waren Augenzeugen zufolge Flugbewegungen amerikanischer Hubschrauber zu beobachten. Der durch die US-Bombardements stark beschädigte Flughafen war am Sonntag von Verbänden örtlicher Stämme eingenommen worden, die sich gegen die Taliban verbündet haben.

Auch Russland baute seine Präsenz aus. Nach Angaben des russischen Präsidenten Wladimir Putin landeten in Kabul zwölf russische Transportflugzeuge, die Personal und Hilfsgüter nach Afghanistan brachten. Die Aktion sei auf Ersuchen der neuen afghanischen Regierung in die Wege geleitet worden.

5000 Taliban-Kämpfer sollen sich ergeben haben

In Kundus ergaben sich nach dem Einmarsch der Nordallianz 5 000 Taliban-Kämpfer, darunter 750 ausländische Söldner. Wie ein Stellvertreter des Usbekengenerals Abdul Raschid Dostum sagte, sollen die Söldner zunächst in ein Lager gebracht und dann der Uno übergeben werden. Die einheimischen Milizionäre sollen freigelassen werden.

Nach dem Aufstand von Taliban-Söldnern in einem Gefangenenlager bei Masar-i-Scharif blieb die Lage gespannt. Nach Angaben eines lokalen Kommandeurs der Nordallianz hielten sich am Montag noch einige Aufständische in der Festung verschanzt. Bei der Revolte seien 400 Söldner getötet worden. Unter den Toten soll sich nach Informationen von ABC auch ein CIA-Mitarbeiter befunden haben. Nach US-Angaben wurden fünf Amerikaner verletzt, aber keiner getötet.

Militärexperten halten die Entsendung der US-Elitesoldaten für einen logischen Schritt. Im Süden Afghanistans mit einem unterirdischen Tunnelnetz und einer Vielfalt von Paschtunen-Stämmen, die sich äußerlich nur schwer von Taliban- und El-Kaida-Kämpfern unterscheiden, können die USA mit Luftangriffen weniger ausrichten als im Norden, wo es klare Frontlinien gab. "Die Strategie verlagert sich jetzt klar auf Einheiten, die beweglich sind und zugleich in geballter Zahl zuschlagen können", analysiert der pensionierte General Donald Shepperd die Lage. Die "Marines" sind für den konventionellen Kampf ebenso ausgebildet wie für Spezialoperationen und den Guerilla-Krieg.

Auch nach Einschätzung von politischen Strategen macht die Entsendung Sinn. Mit dem Einsatz verlagert sich der Schwerpunkt von der Entmachtung der Taliban auf die Jagd nach bin Laden. Damit beginnt aber zugleich auch eine Phase, in der die Opferbereitschaft der US-Bevölkerung in diesem Krieg auf die erste echte Probe gestellt wird.

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