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Bluttests beschleunigen Herzinfarkt-Diagnose

Ein Piks in den Finger, ein Tropfen Blut auf den Teststreifen: Für Diabetiker gehört der Glukose-Schnell-Test bereits zum Alltag. Biochemische Marker könnten nun auch die Diagnose eines Herzinfarktes beschleunigen. Die Herzmarker verkürzen die Reaktionszeit auf zwei Stunden.

HB DÜSSELDORF. Die Düsseldorfer Diagenics AG will Ende nächsten Jahres ein Testkit auf den Markt bringen, das innerhalb von zwei Stunden anzeigt, ob ein Herzinfarkt vorliegt. Dadurch verkürzt sich die Zeit, bis der Arzt eine sichere Diagnose stellen kann. Herkömmliche Verfahren benötigen mindestens die doppelte Zeit, ehe sie nach dem Auftreten der ersten Symptome Gewissheit liefern.

Bei einem Herzinfarkt - Mediziner sprechen vom Myokardinfarkt - klagen die Patienten oft über Schmerzen im Unterkiefer, Rückenschmerzen oder einem stechenden und beengenden Brustschmerz, Schwächegefühl und Atemnot. Prof. Franz Noll, Vorstandsvorsitzender des Biotech-Unternehmens, ist vom diagnostischen Potenzial des Herzmarkers, dem so genannten Glykogenphosphorylase-Isoenzym BB (GPBB), fest überzeugt: "Der Vorteil liegt in der sehr früh messbaren Konzentration im Blut und in seiner Herzmuskelspezifität."

Schon vor 30 Jahren haben drei Wissenschaftler - unter ihnen Noll - in der ehemaligen DDR das Isoenzym charakterisiert. 1990 haben sie sich diese Entdeckung patentieren lassen. Auf Basis dieser Forschungen wurde nun ein Test entwickelt. Im April 2002 soll das Diagnoseverfahren an verschiedenen Herzzentren im Rahmen einer Studie auf seine Praxistauglichkeit untersucht werden. Das Düsseldorfer Unternehmen hat sich das Patent bis zum Jahr 2012 gesichert.

Enzym weist auf Schädigung des Herzmuskels hin

Weltweit sind Forscher darum bemüht, die Diagnostik des akuten Myokardinfarktes zu beschleunigen. Allein in Deutschland erleiden jährlich rund 20 000 Menschen einen, den "stillen" genannten, Herzinfarkt, bei dem es zu kleinen Myokardnekrosen - Schädigungen von Herzmuskelzellen - kommt. Mit dem EKG lässt sich der Verdacht nur in 50 bis 70 % der Fälle erhärten. Seit den 90er-Jahren werden darum zusätzlich biochemische Herzmarker zur differentialdiagnostischen Abklärung eingesetzt.

Als Frühmarker wird in der Labordiagnostik bisher das Myoglobin genutzt, ein sauerstoffbindendes Protein, das bereits in den ersten drei Stunden nach dem Infarkt ansteigt - aber nicht herzmuskelspezifisch ist. Mit anderen spezifischeren Markern ist der Nachweis eines Infarktes mit 90- bis 100-prozentiger Sicherheit erst zehn bis zwölf Stunden nach dem ersten Auftreten der Symptome möglich.

Andere Herzmarker sind weniger aussagekräftig

Eine wichtige Rolle kommt derzeit den strukturgebundenen Proteinen zu, den Troponinen I und T. Ein Anstieg dieser späten, aber sehr spezifischen Herzmarker bedeutet, dass der Patient eine Herzschädigung erlitten hat, die das Infarktrisiko in naher Zukunft spürbar erhöht. "Außerdem haben sich die Troponin-Konzentrationen als sehr nützliche Indikatoren erwiesen, an denen man ablesen kann, ob die Patienten auf bestimmte Medikamente ansprechen oder nicht", erläutert Eberhard Spanuth vom wissenschaftlichen Referat Diagnostika beim Pharmariesen Roche in Mannheim, der das Patent für den Herzmarker Troponin T besitzt.

Francesco Dati, wissenschaftlicher Leiter der "In-vitro-Diagnostika" bei der TÜV Product Safetey GmbH-Rheinland in Köln und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Laboratoriumsmedizin e.V., hält die Forschung an frühen biochemischen Herzmarkern für sehr wichtig: "Dazu gehört das GPBB, aber genauso die klinische Prüfung weiterer möglicher Frühherzmarker, wie das herzspezifisch fettsäurebindende Protein oder Gerinnnungsmarker."

Für Prof. Ingolf Schimke von der Charité in Berlin stellt das GPBB einen hochsensitiven Marker innerhalb der Frühphase des Infarktes dar: "Sein Zeitprofil ist vergleichbar dem des Myoglobins." Ein solcher Schnelltest gehört jedoch nach Meinung des TÜV-Experten Francesco Dati nicht in Laienhände: "Da besteht die Gefahr, dass Daten falsch abgelesen oder interpretiert werden." Nach den Vorstellungen von Diagenics soll der Test vor allem in der Routinediagnostik von Notärzten, in der Notfallaufnahme von Krankenhäusern sowie von Hausärzten genutzt werden.

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