BMG Music vor hartem Jahr
Bertelsmann-E-Commerce-Tochter übernimmt Myplay.com

Der Musikriese BMG soll bis 2002 vom kranken Mann zum Vorzeigeobjekt im Bertelsmann-Konzern werden. Unterdessen wird weiter in den Musikvertrieb per Internet investiert.

HB HAMBURG. Die Ausgangslage war für Rolf Schmidt-Holtz alles andere als erfreulich: Galt schon seit Jahren die Ertragssituation im Bertelsmann-Musikgeschäft als nicht gerade rosig, so entwickelte sich das abgelaufene Geschäftsjahr 1999/2000 unter seinem Vorgänger Michael Dornemann zum relativen Desaster. Trotz überwältigender Verkaufserfolge wie der CD "Supernatural" des Altstars Carlos Santana - der fast alleine die Umsätze beim wichtigen Musiklabel Arista um 30 % und die Gewinne um 45 % anziehen ließ - erwirtschaftete die New Yorker Tochter BMG (Bertelsmann Music Group) bei 4,7 Mrd. Euro Umsatz nur einen bescheidenen Gewinn von 223 Mill. Euro, weit unter den internen Zielvorgaben.

Nachdem im Zuge des Konzernumbaus die Bereiche Musikclubs und CD-Pressung abgetrennt wurden, wurde klar, dass das reine Musikgeschäft kaum noch etwas verdiente. Bereinigt um die Umsätze der Sonopress und der Clubs, wiesen interne Berechnungen bei BMG nur mehr eine Umsatzrendite von gut 3,7 % für den Kernbereich Musik aus. Die Wettbewerber lagen zwischen 5 und mehr als 10 %. Wie, lautete da die Frage in der Gütersloher Konzernzentrale, soll das erst in einem Jahr ohne Santana aussehen?

Die Antwort wird schon bald bei Konzernchef Thomas Middelhoff auf dem Tisch liegen. Und sie wird ihm kaum gefallen: 2000/2001 wird ein schlechtes Geschäftsjahr, räumt BMG-CEO Rolf Schmidt-Holtz gegenüber dem Handelsblatt ein, von Middelhoff ausgesandt, den Dampfer in New York flott zu machen. 2002 will er Vollzug melden. Dann soll BMG besser da stehen als je zuvor. "In spätestens drei Jahren", so Schmidt-Holtz, solle BMG wenn nicht der größte, so doch der beste Musikmajor sein. Die aktuellen Belastungen seien zu könnten verkraften, "da es Bertelsmann derzeit sehr gut gehe". 2002 will er Rekordergebnisse vorzeigen und das "kreative Tief" überwunden haben.

Neue Managementstruktur

Als erstes wurde eine neue Managementstruktur eingeführt und etwa die Zahl der Berichtslinien an den CEO von 17 auf sieben gekappt. Ein Executiv-Board ist für das Tagesgeschäft zuständig und kümmert sich mehr um die Künstler. Dem alten CEO Strauss Zelnick war intern oft Selbstherrlichkeit im Umgang mit Künstlern vorgeworfen worden. Davon aber will Schmidt-Holtz nicht mehr reden. Er schaut nach vorn - und will durch Kostensenkungen eingesparte Mittel in den Künstleraufbau investieren und in den Kauf neuer Musiklabel ("Wir führen ernsthafte Gespräche").

Um wenigstens ein schwieriges Thema muss er sich mittlerweile nicht mehr kümmern: den digitalen Musikvertrieb. Der liegt jetzt bei der Konzern-Tochter Bertelsmann-E-Commerce-Group (BECG), New York. Die hat gerade den Web Myplay Inc., -Musikdienstleister Redwood City. übernommen. Myplay.com stellt individuellen, geschützten Speicherplatz ("Locker",) im Internet zur Verfügung, auf dem Nutzer ihre zuvor offline oder online gekauften Musikstücke speichern, verwalten und wieder abspielen können. Myplay.com ist somit direkter Konkurrent zum bekannten Onlinedienst MP3.com, der jüngst vom Bertelsmann-Gegenspieler Vivendi-Universal, Paris, geschluckt worden ist.

Über finanzielle Details des Myplay.com-Deals wurden keine Angaben gemacht, nach Brancheninformationen soll sich der Kaufpreis im Bereich von 30 Mill. $ bewegen. Myplay hat nach eigenen Angaben rund 6 Mill. Kunden, wovon gut 3 Mill. auf den Musikservice Nullsoft Winamp von AOL Time Warner entfallen. Bertelsmann plant, Myplay.com in seinen neu gegründeten digitalen Musikvertrieb Bemusic (CD-Now, BMG Music Direct) einzugliedern. Bemusic hat mit Myplay zusammen laut Bertelsmann rund 35 Millionen Kunden weltweit und setzt rund 2,2 Mrd. DM um. Mit knapp 20 % Anteil am CD-Markt in den US sei Bemusic zudem der größte Musikvertrieb der Welt.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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