Böhme rutscht nach
Novum beim DFB: Heinrich verzichtet auf WM

Ein völlig unerwarteter WM-Verzicht von Jörg Heinrich hat wenige Stunden vor Nominierungsschluss für hektischen Aktionismus bei Rudi Völler gesorgt und dem zunächst verschmähten "Kunstschützen" Jörg Böhme doch noch das Last-Minute-Ticket nach Japan beschert.

dpa NEU-ISENBURG. Kaum erstaunen konnte dagegen am Dienstag, dass der von immer neuen Überraschungen und Problemen heimgesuchte Völler für den erneut verletzten Jungstar Sebastian Deisler das "ewige Talent" Lars Ricken in sein endgültiges 23-köpfiges WM-Aufgebot berief, welches bis um Mitternacht dem Fußball-Weltverband (FIFA) gemeldet werden musste. Vor dem Dortmunder Ricken und dem Schalker Böhme war bereits der Bremer Frank Baumann für den am Knie operierten Christian Wörns (Borussia Dortmund) von der Warteliste ins WM-Aufgebot nachgerückt.

Heinrichs Rückzieher, den der 32-jährige Dortmunder mit einem ungenügenden Fitness-Zustand begründete, sorgte für ein Novum in der Geschichte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Noch nie zuvor hatte sich ein Nationalspieler einen Tag vor dem Abflug zu einem großen Turnier selbst die Rote Karte gezeigt. Die Entscheidung war "nach reiflicher Überlegung" beim kurzen Heimaturlaub über Pfingsten gefallen. "Ich muss nach den Vorbereitungsspielen selbstkritisch eingestehen, dass ich in meiner derzeitigen körperlichen Verfassung keine Hilfe für unsere Nationalmannschaft sein kann", erklärte Heinrich, der bei den Partien gegen Wales (0:1) und gegen Österreich (6:2) tatsächlich einen katastrophalen Eindruck hinterlassen hatte.

Dortmunder wirbt um Verständnis

Der WM-Teilnehmer von 1998 warb um Verständnis für seinen ungewöhnlichen Entschluss: "Die Entscheidung ist mir nicht leicht gefallen", versicherte der Defensiv-Allrounder: "Ich hoffe, dass meine ehrliche Begründung akzeptiert wird." Heinrich ist nach dem Münchner Mehmet Scholl der zweite Akteur, der freiwillig auf den Asien-Trip verzichtet. Dass Völler in seiner Not nach dem Schock des Deisler-Ausfalls sogar noch einmal über einen Hilferuf bei Scholl nachgedacht haben soll, wurde von Seiten des DFB dementiert.

Als Völler am 6. Mai sein vorläufiges Aufgebot berief, bezeichnete er die nicht nominierten Böhme und Ricken als "Härtefälle". Vor allem Böhme reagierte enttäuscht auf seine Ausbootung. Sein Freistoßtor für Schalke 04 im DFB-Pokalfinale gegen Bayer 04 Leverkusen heizte die öffentliche Diskussion an. Mit einer Nachnominierung hatte er nicht mehr gerechnet, als ihn Völlers später Ruf doch noch ereilte, zeigte sich der 28-Jährige "unheimlich stolz". Als Alternative auf der linken Außenbahn hofft er nun, "dass ich der Mannschaft helfen kann".

Auch Ricken, der sich nach dem verlorenen UEFA-Pokal-Finale und den Meisterfeierlichkeiten in Dortmund fit gehalten hatte, freut sich auf seine WM-Premiere. "Es ist eine große Motivation, auch wenn ich nicht als Stammspieler nach Japan gehe. Aber wenn jemand ausfällt, muss ich da sein", sagte Ricken und packte rasch den Koffer.

Selbst Achtelfinale ist keine Selbstverständlichkeit mehr

Die rasanten Umbesetzungen manifestierten einen Tag vor der Reise ins WM-Quartier nach Miyazaki die ohnehin ungewöhnlich geringen Erwartungen an die deutsche WM-Elf. "Unter diesen Bedingungen kann die Mannschaft befreit aufspielen. Kommt sie ins Viertelfinale, bin ich zufrieden, dann hat sie eine erfolgreiche WM absolviert", sagte im "kicker" stellvertretend für viele Franz Beckenbauer, der Deutschland 1990 in Italien als DFB-Teamchef zum bislang letzten Titelgewinn geführt hatte.

Zwölf Jahre danach wagt der damals noch als Spieler beteiligte Völler nicht einmal von einem vierten WM-Triumph zu träumen. Vier hochkarätige Ausfälle, neben Deisler, Scholl und Wörns noch Jens Nowotny (Kreuzbandriss), anhaltende Sorgen um Rekonvaleszenten wie Marko Rehmer sowie eine extrem gestörte Vorbereitung ohne die Leverkusener Schlüsselspieler haben die Hoffnungen fast täglich schrumpfen lassen. Selbst das Minimalziel Achtelfinale ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Trotzdem bleibt Völler seiner Linie treu, nicht in Panik zu verfallen: "Wir sind auf dem richtigen Weg."

Auch DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder mag nicht an ein historisches Scheitern in den Gruppenspielen gegen Saudi Arabien (1. Juni), Irland (5. Juni) und Kamerun (11. Juni) glauben. "Wenn die Mannschaft herausgefordert wird, ist sie steigerungsfähig. Ich glaube nicht, dass sie schon am oberen Limit gespielt hat", sagte "MV", der die 62-köpfige DFB-Delegation in Japan anführt. Rund 40 Mitglieder besteigen an diesem Mittwoch auf dem Rhein-Main-Flughafen, begleitet von 80 Medienvertretern, den Lufthansa-Jumbo nach Miyazaki zur teuersten und schwierigsten WM aller Zeiten. Der DFB hat die Kosten mit rund fünf Mill. Euro veranschlagt - abhängig von den Prämien für die Spieler. Die kassieren für Siege erst ab dem Achtelfinale, das Maximum gäbe es mit 92 000 Euro pro Mann beim Titelgewinn.

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