Börse
Analyse: Bisher haben wir nur einen kleinen Bären

Immer weiter abwärts geht es mit den Aktien. Wer nicht beruflich dazu verpflichtet ist, schaut am liebsten weg. Selbst bei größeren Kurseinbrüchen an einem einzelnen Tag klingeln die Telefone der Vermögensverwalter nur noch selten - viele Kunden haben einfach resigniert.

Immer noch gibt es Optimisten, die glauben, dass bald der "Boden" gefunden wird, damit es wieder aufwärts gehen kann. Sie verweisen auch darauf, Aktien seien im Vergleich zu Rentenpapieren, die ja auch nicht mehr viel Rendite abwerfen, recht günstig geworden. Die Pessimisten aber stellen die Frage: Ist das schon ein richtiger Bärenmarkt oder kommt der noch?

Es gibt viele Methoden, dieser Frage nachzugehen. Eine besteht darin, zum Vergleich den Börsenboom, der bis ins Jahr 2000 gedauert hat, zu analysieren und dann zu fragen, wie das Gegenteil aussehen könnte. Während des Booms waren die Bewertungen - die Kurse gemessen am geschätzten Gewinn je Aktie - zum Teil unglaublich hoch und mit rationalen Argumenten nicht mehr zu begründen. Dazu kam, dass die Gewinnschätzungen selbst über weite Strecken systematisch nach oben verzerrt waren. Und diese Schätzungen wiederum basierten auf Zahlen der Unternehmen selbst, die in vielen Fällen - etwa in den USA oder bei uns am Neuen Markt - manipuliert oder gefälscht waren. In vielen Fällen setzte also auf eine geschönte Datenbasis eine zu optimistische Schätzung auf, und dazu kam ein irrwitziger Bewertungsfaktor.

Und jetzt? Die Bewertungen sind zum Teil sehr niedrig geworden. Aber sie sind in der Regel immer noch mit rationalen Argumenten nachvollziehbar - der Gesamtmarkt leidet unter der Angst vor dem Krieg, und viele einzelne Unternehmen und Branchen haben ernsthafte Probleme. Die Schätzungen der Analysten sind nicht etwa pessimistisch geworden, sondern beinhalten nach wie vor Gewinnsteigerungen, die außerhalb ihrer Zunft niemand für wahrscheinlich hält. Bei der Datenbasis sind die gröbsten Fälschungen hoffentlich aufgeflogen, von einem zu vorsichtigen Ausweis der Gewinne kann man jedoch nicht sprechen.

Der Vergleich mit dem Bullenmarkt zeigt also deutlich, dass wir uns noch nicht in einem tiefen Bärenmarkt befinden - wir haben vielleicht gerade die Schwelle überschritten. Vielleicht haben wir Glück, und es kommt nicht zu einem weiteren Kursverfall. Aber das wäre schon die optimistische Variante. Denn für einen neuen Aufschwung spricht zurzeit wenig. Die Gewinnbasis der Unternehmen ist nicht stark genug, um neue Höhenflüge begründen zu können. Der große Motor des Aktienmarkts in den 90er-Jahren, die sinkenden Zinsen, geben auch nicht mehr viel her - sie sind schon weit unten, vor allem im langfristigen Bereich. Und Höhenflüge ohne Begründung dürften zunächst einmal vorbei sein oder nur von kurzer Dauer - etwa als Reaktion, falls sich die Irak-Krise entspannen sollte.

Ein Bärenmarkt schadet vor allem den Anlegern, die schon viel investiert haben. Wer nach und nach ein Vermögen neu aufbaut, bekommt dagegen günstige Einstiegskurse. Aber wenn es wirklich noch weiter heruntergeht, werden nur noch wenige Anleger mit Aktien sparen - auch das ist spiegelbildlich wie im Boom, wo fast alle dabei waren.

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