Börse hat einen Teil der positiven Aussichten vorweggenommen
Börsen können auch seitwärts laufen

Gerade jüngere Anleger kennen nur extreme Auf- und Abwärtsbewegungen der Kurse. In normalen Zeiten bewegen sich Aktien aber oft in engen Spannen.

Vor dem Bankenausschuss des Senats gab US-Notenbankchef Alan Greenspan wieder eine Kostprobe seines rhetorischen Könnens: "Jüngste Tatbestände legen mit zunehmender Intensität nahe, dass sich eine wirtschaftliche Expansion bereits gut entfaltet hat, auch wenn eine Vielzahl von Einflüssen, die für diesen Konjunkturzyklus einmalig ist, verzögernd wirken dürfte." Alles klar? Nun, die "Fed-Watcher" der Banken waren sich ziemlich schnell einig, was uns Greenspan eigentlich sagen will: Der Konjunkturaufschwung ist da, aber er fällt moderat aus.

Die Börse hat schon einen guten Teil der positiven Aussichten vorweggenommen. Nach dem "Ausverkauf" als Folge der Terroranschläge erholten sich die Aktien bis Ende Dezember kräftig und haben sich danach eher seitwärts entwickelt. Es spricht einiges dafür, dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Zwar können die Kurse durchaus für mehrere Wochen nach oben schießen, per Saldo sehen viele Analysten bis zum Ende des Jahres aber nur ein bescheidenes Plus.

"Es wird ein bisschen mehr werden als eine Seitwärtsbewegung"

Patrick Schwahn, Leiter Regionenfonds bei der Fondsgesellschaft Deka, zählt dabei noch zu den optimistischeren Stimmen. Er geht davon aus, dass die Konjunktur in den USA in einer besseren Verfassung ist, als bisher allgemein angenommen wird. Er glaubt, dass die Konsensus-Schätzungen für die US-Wirtschaft von 1,5 Prozent deutlich nach oben gehen werden. "Die Frühindikatoren haben bisher ständig positiv überrascht", erklärt der Aktienstratege, und die Dynamik in Amerika sollte mit einiger Verzögerung im Rest der Welt für Wachstumsimpulse sorgen.

Wenn die Gewinne der Unternehmen in diesem Jahr um 15 Prozent - im besten Szenario sogar um 25 Prozent - steigen, dann könne man dem S&P-500-Index noch ein Kurspotenzial von rund zehn Prozent zubilligen. Da bei den europäischen Aktien die Bewertungen niedriger seien, bestehe in Euroland der größere Hebel, die Kurschancen liefen hier eher in Richtung von zwölf bis 15 Prozent, erläutert Schwahn. Momentan gehe eine Konsolidierungsphase zu Ende, die zum Jahreswechsel eingesetzt habe. "Es wird ein bisschen mehr werden als eine Seitwärtsbewegung", glaubt Schwahn.

Bob Doll, President von Merrill Lynch Investment Managers, ist defensiver in seiner Meinung und glaubt noch nicht an den Start einer Hausse am US-Markt. Der S&P-500-Index habe sich in den vergangenen fünf Monaten in einer Spanne von plus/minus fünf Prozent um die Marke von 1 130 Punkten bewegt. Die Jahresbilanz für 2002 werde wahrscheinlich nur einen moderaten Zuwachs bringen. Historisch gesehen sind lange Seitwärtsbewegungen nichts Neues an den Börsen. Nur haben die letzten drei bis fünf Jahre bei den Anlegern den falschen Eindruck erweckt, die Kurse bewegten sich stets in starken Auf- und Abwärtsbewegungen.

Für Klaus Schlote, Aktienstratege bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, besteht die Gefahr, dass der Aktienmarkt in eine Übertreibungsphase hineinläuft. "Von den aktuellen Bewertungskennzahlen her fängt im Bereich von 5 600 bis 5 700 Punkten im Dax die Überhitzung an", sagt Schlote, der auch bei den europäischen Titeln - gemessen am Euro-Stoxx-Index - nur noch einen Kursspielraum nach oben zwischen sieben bis acht Prozent sieht. Das Rückschlagspotenzial bei den Aktien schätzt Schlote in einer möglichen Überhitzung auf zehn bis 15 Prozent, auch ein temporäres Abrutschen des Dax unter die Marke von 5 000 Punkten sei nicht auszuschließen.

Denn im weiteren Jahresverlauf drohten steigende Preise für Vorleistungen und Rohstoffe sowie höhere Tarifabschlüsse bei gleichzeitig geringem Preiserhöhungsspielraum die Gewinnmargen der Unternehmen zu schmälern. Daraus resultierende niedrigere Gewinnerwartungen könnten sich als Belastungsfaktor für die Aktienkurse erweisen. "Wir leben vorerst in einer Welt der kleinen Zahlen", meint Schlote mit Blick auf die prognostizierten Zuwächse der Erträge.

Deutsche Bank hat den Telekom-Sektor auf "Untergewichten" gesetzt

Gefährdet seien besonders die zyklischen Titel aus den Bereichen Grundstoffe, Automobilbau und Technologie. Defensive Titel wie Nahrungsmittel-, Verbrauchsgüter- und Getränkeaktien - teilweise auch Papiere aus dem Gesundheitsbereich - seien jetzt die bessere Wahl, meinen auch andere Finanzexperten. Dabei werden die Aktien von L'Oréal, Nestlé, Schering und Diageo genannt.

Deka-Stratege Schwahn bevorzugt derzeit zyklische Titel aus den Bereichen Rohstoffe und Papier, in den nächsten Monaten könnten auch Chemie-, Automobil- und Bauaktien stärker gewichtet werden, wobei Peugeot und Vinci zu den Favoriten zählten. Auch Ölaktien haben die Analysten wieder auf der Rechnung, da diese noch nicht so hoch bewertet sind und vor allem einen stabilen Cash-Flow, nicht selten gekoppelt mit Dividendenstärke, vorweisen können. Das Research der Commerzbank geht davon aus, dass das Preiskartell der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) den Barrelpreis im Jahresmittel 2002 bei 19 Dollar halten werde, wobei Eni und Repsol als Kaufempfehlungen herausgestellt werden. Auch Morgan Stanley zählt Eni zu den "top picks", außerdem wird das Papier von BP favorisiert. Auffallend vorsichtig äußern sich die meisten Analysten zu den Technologiewerten. Vor allem von den Telekommunikationstiteln wird eher abgeraten. Die Deutsche Bank etwa hat den Sektor auf "Untergewichten" gesetzt. Abgesehen von Vodafone und BT falle es schwer, hier Werte mit günstig bewerteter Substanz zu finden.

Was heißt das alles für den Privatanleger? Da viele Analysten eine schwungvolle Konjunkturerholung skeptisch sehen und der Schock über die Bilanzmanipulationen noch nachwirkt, ist man gegenwärtig bei Neuengagements wohl bei nichtzyklischen Konsumwerten und Ölaktien am besten aufgehoben. Bei Aktien, die von einer schnellen wirtschaftlichen Gesundung der Volkswirtschaft abhängig sind, wie etwa Technologie- und Banktitel, kann man Rückschläge abwarten und dann Unternehmen mit - im Vergleich zum Branchendurchschnitt - relativ geringem Verschuldungsgrad bevorzugen.

Außerdem sollte man den Politikteil der Zeitungen lesen. Denn viele Analysten befürchten, dass ein neuer Krieg mit dem Irak die Frühlingsgefühle an der Börse vertreiben würde.

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