Börse Moskau wird interessanter für Ausländer
Fusion rückt Russlands Ölwerte in den Blick

Der neue Yukos-Sibneft-Konzern gilt als völlig unterbewertet angesichts seiner nunmehr internationalen Dimension.

MOSKAU. Bereits zur Ankündigung der Mega-Fusion der russischen Erdölkonzerne Yukos und Sibneft zum weltweit viertgrößten Mineralöl-Multi hatten die Analysten der Moskauer Investmentbank United Financial Group (UFG) für Anleger ihre Empfehlung parat: Outperform für beide, hieß es am Dienstag. Yukos sei ohnehin der beste russische Blue Chip. Die Sibneft-Aktien seien hochgestuft worden, weil sie von der Übernahme profitieren dürften, die bis Jahresende abgeschlossen sein soll. "Sibneft ist der billigere Einstieg in den neuen Giganten", so UFG. Die Ratingagentur S & P überlegt, ihn hochzustufen.

Der Markt hatte auch einen Verlierer mit auserkoren: Der Kurs des bislang viertgrößten russischen Ölriesen Surgutneftegas brach nach 43 % Anstieg binnen einer Woche auf Grund von Übernahmegerüchten noch am Dienstag um fast 9 % ein. Doch könnte sich für dieses Papier schnell neue Phantasie ergeben - es handelt sich um den einzigen großen Ölkonzern, bei dem Ausländer noch einsteigen können. Die Firma sei das "hottest game in town", meint William Browder von Hermitage Capital in Moskau. Mattias Westman von Prosperity Capital ist skeptischer: "Surgut war der beste Ölförderer in Sowjetzeiten, doch seither hat sich wenig getan."

Yukos und Sibneft hingegen war es durch Milliarden-Investitionen in Westtechnik gelungen, ihre Förderkosten deutlich unter die der Konkurrenz zu drücken. Yukos war deshalb allein durch organisches Wachstum seit Jahresbeginn zu Russlands größtem Ölförderer geworden, von der Marktkapitalisierung hatte der Konzern Lukoil bereits lange davor abgehängt.

Der neue Yukos-Sibneft-Konzern gilt als völlig unterbewertet angesichts seiner nunmehr internationalen Dimension. Der russische Konzern verfügt über die größten Erdölreserven eines börsennotierten Unternehmens und geht mit 2,3 Mill. Barrel Tagesförderung und zweistelligem Wachstum auf Tuchfühlung zu Royal Dutch/Shell. Aber an der Börse sind die Russen bislang nur 35 Mrd. $ wert, Royal Dutch hingegen151 Mrd. $.

Nun wächst durch die Fusion nach Ansicht von Moskauer Branchenexperten aber auch der Druck auf Lukoil. Sogar der russische Finanzminister Alexej Kudrin preist die Sibneft-Übernahme durch Yukos als Vorbild für andere russische Konzerne. Doch Lukoil will nach eigenen Angaben zunächst aus eigener Kraft wachsen. So sollen sich die Erdgas- und Ölreserven binnen zehn Jahren mehr als verdoppeln. Zudem hat Lukoil mehr Verarbeitungskapazitäten und hat seine Vorkommen deutlich stärker diversifiziert als die zumeist auf russische Reserven fixierten Konkurrenten - vor allem im Kaspischen Meer, das von Experten als Energiebassin der Zukunft eingeschätzt wird. Yukos hingegen drängt auf neue Exportmärkte, in erster Linie nach China.

Alle russischen Ölkonzerne haben jedoch ein gemeinsames Problem: Ihre Fördermenge wächst drastisch, doch die bisherigen Export-Pipelines sind bis zum Anschlag voll. Der staatliche Monopolist Transneft kann daher auf volle Auftragsbücher hoffen, nachdem der Staat bislang private Pipelines nicht duldet. Das aber heißt für die Transneft-Vorzugsaktien nach übereinstimmender Analysten-Meinung: "Kaufen".

Doch Gewinner der Mega-Ölfusion sind nicht nur russische Ölwerte, sondern die Moskauer Börse insgesamt, meinen Experten: "Spätestens mit der Schaffung des neuen Energieriesen kommen globale Investoren am russischen Markt nicht mehr vorbei", meint Peter Boone von Brunswick UBS Warburg in Moskau. Geschmiert werden dürfte der Moskauer Ölboom auch durch westliche Konzerne, nicht nur weil kürzlich BP mit 6,75 Mrd. $ die Hälfte des russischen Förderkonzerns TNK übernahm. "Frisches Kapital dürfte nun verstärkt gen Osten wandern", erwartet Zsolt Papp von ABN Amro für die Moskauer Kapitalmärkte.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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