Börsen-Ausblick
Die Rückkehr der Vernunft?

Wäre Sarkasmus kein Vorrecht des Kabaretts, hätte die vergangene Börsenwoche als "fantastisch" bezeichnet werden können. Denn nach elf Monaten Schwangerschaft darf man sich auch über eine Geburt unter Schmerzen freuen. Und die hatte an der Börse einen Namen: "Verkaufsdruck" oder schlichtweg "Panik".

vwd FRANKFURT. Einer Kauforder sollen teilweise bis zu acht Verkäufe gegenübergestanden haben, hieß es. Eingeleitet von schlechten Inflationsdaten, den üblichen Gewinnwarnungen und Gerüchten um eine japanische Bankpleite, schlugen Stimmung und Verhalten um. Vormalige Unsicherheit wich Sicherheit - und die wies nach unten.

Große Portfolio-Liquidierungen, angeblich im Auftrag japanischer Adressen, untermauerten den Verdacht, der aufgehenden Sonne gehe kurz vor Ende ihres Geschäftsjahres das Geld aus. Die Verkäufe trafen zum ersten Mal nicht nur die vielgescholtenen Technologiewerte, sondern zogen sich über sämtliche Branchen hin. Nahezu "willenlos" wären die Anleger dem Verkaufswdruck gefolgt und ein großes "Favoritenschlachten" habe begonnen, hieß es. Dem konnten sich auch die Klassiker im Dow Jones nicht entziehen. Der Index fiel das erste Mal seit Jahren unter die 10.000er-Marke. Stark getroffen auch die europäischen Banken, deren Gewinnaussichten in einer Goldman-Sachs-Studie drastisch heruntergenommen wurden.

Prominente Gewinn- und Absatzwarnungen "überraschten" alle: Von Ericsson und Alcatel bis zu Mc Donalds und Procter&Gamble zogen sich die Enttäuschungen von der New bis in die Old Economy. Rekordgewinne gingen darin unter: BASF, Bayer und BMW konnten bei Analysten nur für Naserümpfen sorgen. Der Verfallstermin an deutschen und US-Terminbörsen am Freitag habe auf den Märkten gelastet, hieß es. Auch der Neue Markt konnte seine Skeptiker gekonnt überzeugen. Emprise und Amatech hielten nicht, was sie versprachen und wurden mit Abschlägen zwischen fünfzig und siebzig Prozent vernichtet: "Zero-Tolerance" - das Motto der Verbrechensbekämpfung von New York - hatte damit den Neuen Markt erreicht.

"Doch nichts ist so schlimm wie die Furcht davor", sagt der Dichter

Die Crash-Befürchtungen der Wochenmitte blieben in Ausmaß und Schärfe unbegründet und vorsichtige Stimmen über "billige" Aktien fanden erstmals Gehör. So stiegen Infineon schon tapfer gegen den Trend als die gesamte Kurstafel noch tiefrot leuchtete. Und auch bei Deutsche Telekom war zu hören, sie werde zumindest um 25 EUR massiv gesucht. Sollte allein deswegen die Woche als "fantastisch" gelten? Nein, sondern wegen einer zu beobachtenden "Rückkehr der Vernunft". Die Neue-Markt-Investoren haben sie drastisch bewiesen.

Fantasie und heiße Luft werden nicht mehr bezahlt. Nicht umsonst spricht der "Platow-Brief" mittlerweile von der "Renaissance des KGV" bei der Aktienbewertung. Während vor einem Jahr Kurs-Umsatz-Verhältnisse von 200 am Neuen Markt als tolerabel durchgingen, gelten wieder zweistellige KGV als Maximum. Exemplarisch auch die verbreitete Reaktion von Analysten auf die Ergebnisse bei BASF und BMW. "Unter unseren Erwartungen" wurde zunächst geunkt und die Aktien abgestraft. Bis sich die Analysten von M.M.Warburg ein Herz fassten und die Dinge beim Namen nannten: Die Ergebnisse seien "sehr gut" gewesen, sagten sie. "Utopisch" wäre nur der Konsens der Analystenschätzungen.

Das Positive der Woche waren die Anzeichen von Besinnung. Und da Selbsterkenntnis bekanntlich der erste Schritt zur Besserung sein soll, können die Investoren auf Gutes hoffen. Ein langwieriger Selbstreinigungsprozess scheint eingesetzt zu haben und spekulatives Sentiment schwindet. Die kurzfristigen Händlererwartungen für die kommende Woche sind durchwachsen. "Alle rechnen mit Zinssenkung" und nach dem großen Verfallstag an den deutschen und US-Terminbörsen "werden die Karten neu gemischt", sagen die einen, und rechnen mit einem positiven Wochenausklang.

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