Börsen im erbitterten Wettbewerb
Europäische Börsen-Newcomer chancenlos?

Die neuen paneuropäischen Handelsplattformen Jiway, Virt-X und Nasdaq Europe sind mit großen Zielen ins Rennen gegangen. Bisher ist aber außer Absichtsbekundungen wenig in Sicht.

Der Erfolg der elektronischen Handelsplätze hängt entscheidend von der Akzeptanz seitens der institutionellen Anleger wie zum Beispiel Fondsgesellschaften ab, denn nur sie sorgen für das nötige Volumen. Deren Engagement hält sich jedoch bisher in Grenzen, denn der parallele Anschluss an mehrere Systeme bringt zunächst einmal nur höhere Kosten. Ein echter Zusatznutzen ist dagegen nicht auszumachen.

Wenn eine Plattform nicht von Anfang an ausreichendes Volumen und damit Liquidität auf sich ziehen kann, ist sie für die Institutionellen wertlos, da diese dann nicht ihre großen Orders plazieren können. Sie geben daher ihre Aufträge an die jeweilige Heimatbörse eines Unternehmens, in das sie investieren möchten. Nur dort befinden sich genügend Aktien im Umlauf. So gelten selbst große Unternehmen wie zum Beispiel der Dow Jones-Wert Alcoa an etablierten Börsenplätzen wie Frankfurt als illiquide.

Jiway fast chancenlos

Das im September 2000 gestartete Joint Venture der Investmentbank Morgan Stanley und der schwedischen OM Gruppen wollte sich als paneuropäischer Handelsplatz für Kleinanleger etablieren. Anspruch und Wirklichkeit sind hier jedoch meilenweit voneinander entfernt. Statt der für schwarze Zahlen nötigen 20.000 Transaktionen werden nicht einmal 150 Geschäfte täglich abgewickelt. Nach dem Ausstieg des zweiten Großaktionärs Morgan Stanley, einem Wechsel an der Spitze und einem Jahresverlust von fast 90 Millionen Euro steht Jiway nun mit dem Rücken zur Wand.

Experten kritisieren vor allem das Geschäftsmodell von Jiway, das nur Kleinanleger anspricht. In Krisenzeiten wie jetzt halten diese sich besonders stark zurück oder handeln an den etablierten nationalen Börsen. Für die Schweden ist der Rückzug der Amerikaner aus Jiway eine weitere Niederlage. Im vergangenen Jahr scheiterte OM mit einem Übernahmeversuch der Londoner Börse. Auch das Projekt, mit Norex eine nordeuropäische Börse zu schaffen, befindet sich noch in den Kinderschuhen.

Virt-X nur bei Schweizer Standardwerten stark

Virt-X ist ein vor kurzem lanciertes Joint Venture der Schweizer Börse SWX und der Londoner Privatbörse Tradepoint. Dieser Newcomer legte nur deshalb einen akzeptablen Start hin, weil die Schweizer Standardwerte jetzt grundsätzlich auf der neuen Plattform gehandelt werden. 80 Prozent des Umsatzes der SWX wurde so auf die in London ansässige Virt-X verlagert. Der aktuelle Marktanteil bei Europas Standardwerten liegt bei sechs Prozent und wird praktisch ausschließlich aus Schweizer Standardwerten generiert. Das ehrgeizige Ziel, binnen Jahresfrist einen Marktanteil von zehn Prozent bei den europäischen Blue Chips zu erobern, wird von Experten skeptisch eingeschätzt. Es fehle dafür ein schlüssiges Konzept.

Nasdaq Europe alias Easdaq mit Ambitionen bei US-Stocks

Die US-Technologiebörse Nasdaq übernahm im Frühling 2001 die Easdaq in Brüssel und benannte diese in Nasdaq Europe um. Der europäische Börsenzwerg will nunmehr als Plattform für IPOs und beim Handel mit US-Aktien in Europa reüssieren. Dazu wurde Ende 2001 mit der Berliner Börse eine Allianz geschmiedet. Noch ist die Zusammenarbeit nicht gestartet, da hält die Nasdaq Europe bereits nach weiteren Kooperationspartnern Ausschau, um zusätzliche Liquidität zu generieren. Ende 2001 führte die Börse, an der nur 58 Werte gelistet sind, aber wie zu Easdaq-Zeiten ein Schattendasein. Lediglich 1.900 Transaktionen wurden pro Woche abgewickelt - ein Mini-Volumen von 16 Millionen Euro. Im Vergleich dazu kommt der Neue Markt auf durchschnittlich drei Milliarden Euro im Monat.

Mit dem neuen Handelssystem "European Trading System" (ETS) bläst die Nasdaq Europe bei US-Aktien zum Angriff. Das System basiert auf dem Market Maker-Modell, wobei Broker verbindliche Geld- und Briefkurse stellen. Die Mindestgröße der Quotes liegt bei 100 beziehungsweise 500 Titeln. In einem zweiten Schritt sollen die Market Maker-Kurse noch in diesem Jahr in ein Orderbuch integriert werden, wie es in Europa gebräuchlich ist. Damit entstünde ein Mischsystem, im Fachjargon auch "hybrides Marktmodell" genannt.

Erfolg von "Xetra US Stars" zweifelhaft

Die Pläne der Deutschen Börse AG gehen in eine ähnliche Richtung wie die der Nasdaq Europe. Das neue Segment "Xetra US Stars" ist im September mit 210 Aktien gestartet. Während sich Nasdaq Europe aber nach Angaben einer Sprecherin auf Nasdaq-Werte fokussieren will, sollen auf Xetra US Stars auch Titel aus dem Dow Jones und dem S&P- Index gehandelt werden. Trotzdem sind Zweifel am Erfolg des Xetra-Handels mit US-Werten angebracht. Das Problem liegt ähnlich wie bei den anderen Plattformen darin, dass institutionelle Investoren ihre Orders bevorzugt an den jeweiligen Heimatbörsen platzieren. Vermutlich werden sich also vornehmlich Kleinanleger in dem Segment tummeln, so dass sich die vorhandene Liquidität in Grenzen hält.

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