Börsen-Kolumne aus New York
Der Dow klettert, doch das soll er nicht

Wohin der Markt geht, weiß man schon lange nicht mehr - neu ist, dass man nun auch nicht mehr weiß, wohin der Markt gehen soll. Denn dass der Dow am Mittag plötzlich mit 200 Punkten im Plus steht, ist nicht für alle Trader ein gutes Zeichen. Eine Kolumne...

wsc NEW YORK. "Bloß keine Zwischenerholung", wünscht sich ein Händler auf dem New Yorker Parkett. Man sei so nahe an einem Wash-Out, der Boden greifbar. In der Tat haben die US-Börsen in den vergangenen Tagen nicht nur dramatische Verluste gesehen, sondern vor allem rekordverdächtiges Volumen. An der NYSE dürften am Mittwoch erneut mehr als 2,5 Mrd. Aktien gehandelt werden - zum vierten Mal hintereinander, und das ist ein historischer Höchststand.

Dazu kommt eine außergewöhnliche Volatilität: Deren Index VIX hat am Mittwoch über 50 Punkten geschlossen - zum ersten Mal seit 1987. Doch erst der Vergleich mit dem Terror-Hoch vom September, als der Index bei 49 schloss, zeigt das ganze Ausmaß, dass die Furcht und Unsicherheit an der Wall Street mittlerweile angenommen haben. Hohes Volumen, hohe Volatilität, beides deutet auf einen Ausverkauf hin. Doch zumindest ein Crash bleibt vorerst aus. Dabei wäre der vielleicht der einzige Weg zu einer langfristigen Gesundung der Märkte.

Kurzfristig weitere Verluste in Kauf nehmen zu müssen, dürfte für viele Marktteilnehmer längst nicht mehr allzu dramatisch sein. Es gilt, dem mehr als zweijährigen Bärenmarkt ein Ende zu bereiten, und auf ein paar Dollar mehr oder weniger kommt es nun wirklich nicht mehr an, angesichts erschreckender Zahlen, die Analysten am Morgen wieder einmal aus der Schublade holen. Da steht zum einen "8 Bio. $" - das ist das Vierfache der Bruttoinlandsproduktes der Bundesrepublik und genau die Summe, die an den US-Börsen seit Beginn der Korrektur verbrannt worden ist. Und da steht "48 %" - so viel hat der S&P 500 seit März 2000 verloren, und so viel hat er auch im großen Bärenmarkt 1974/74 verloren. Schlimmer sah es für die US-Märkte nur während der großen Depression aus.

Viel wichtiger als jetzt schnell und hektisch Verluste zu begrenzen, dürfte sein, dass die Unternehmen reinen Tisch machen, die Aktien auf vernünftige KGV und einen soliden Boden fallen, und damit wieder Wachstumspotential geschaffen wird. Dann kommt auch wieder Vertrauen in den Markt. Dass die Anleger nicht nur bereit sind, sondern geradezu danach hungern, wieder zu investieren, zeigt ein Blick auf die Gewinne einiger Aktien am Mittwochmittag:

So steht Citigroup mit 5 % im Plus, JP Morgan verbessert sich um 9 % - beide Banken hatten in den vergangenen Tagen drastisch verloren, nachdem ihr Einfluss auf die umstrittenen Bilanzdeals beim Energieriesen Enron näher beleuchtet worden war. JP Morgan verteidigt sich am Mittwoch und Anleger scheinen dem Management abzunehmen, dass man an betrügerischen Aktionen nicht beteiligt war. Sie kaufen die Aktie, die mit einem KGV von 8 allerdings auch zum Schnäppchenpreis handelt.

Anderes Beispiel: Amazon. Der Online-Buchhändler musste am frühen Morgen Verluste von bis zu 15 % hinnehmen, obwohl man am Vorabend starke Zahlen vorgelegt hatte. Anleger verkauften hektisch, nachdem Amazon angekündigt hatte, Mitarbeiter-Optionen künftig als Ausgaben zu verbuchen. Das belastet die Unternehmensgewinne deutlich, ist aber ein Schritt in die richtige Richtung. Denn dass man Optionen jahrelang nicht als Ausgaben verbucht sondern als nicht realisierten Gewinn ignoriert hat, war nichts anderes als ein Beschönigen der Bilanz. Nun bilanziert Amazon hart aber gerecht - und Anleger realisieren das im Handelsverlauf. Die Aktie macht einen Großteil der Verluste gut.

Marktstützend handelt am Mittwoch auch die Exekutive. Vier Mitglieder der Adelphia-Familie Rigas sind am Morgen in New York verhaftet worden und müssen sich wegen Verschwörung und massivem Anlegerbetrug vor Gericht verantworten. Das Sündenregister von CEO John Rigas und seinen Söhnen ist lang und dreist: Rigas hatte sich mit Firmenmitteln einen privaten Golfplatz gebaut und ein Football-Team gekauft. Sohn Tim soll den Firmenjet regelmäßig privat genutzt und einmal sogar seine Freunde zu einer Afrika-Safari geflogen haben. Zwei andere Rigas-Sprosse haben sich ihre Appartements auf Manhattans teurer Upper East Side mit Firmengeldern gekauft - dass die Familie in Handschellen abgeführt wird tut Anlegern gut. Man sieht und anerkennt: Die Regierung greift durch.

Doch würden viele eine Wende zur Zeit als zu früh bewerten. Denn solange noch Krümel auf dem Tisch liegen, soll er nicht neu gedeckt werden. Erst muss aufgeräumt werden, selbst wenn das den Dow noch ein paar Punkte und Anleger viel Geld kostet.

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