Börsenaufsicht ist mit der Ernennung ein großer Coup gelungen
Harvey Pitt: Der neue SEC-Sheriff

Die US-Börsenaufsicht erhält einen neuen Chef: Harvey Pitt. Der Jurist gilt als einer der klugsten Köpfe im Handelsrecht - und als einer, der auch alle Tricks kennt.

Ohne Harvey Pitt hätte es den Hollywood-Klassiker "Wall Street" mit Michael Douglas in der Rolle eines korrupten Brokers wahrscheinlich nie gegeben. In dem Film geht es um einen der größten Börsenskandale aller Zeiten. Und den Stoff für den Streifen, der auf einer wahren Geschichte basiert, den lieferte überwiegend Pitt.

Als Anwalt einer Bank auf den Bahamas hatte er Untersuchungsbeamte und Gerichte auf die Fährte der Hauptakteure im Insiderskandal um die Investmentbank Drexel Burnham Lambert gesetzt - und so eine eigene Mandantin aus dem Schussfeld gebracht.

Einige Zeit später, noch bevor die fälligen Prozesse begannen, wechselte Pitt die Seite und verteidigte einen der Hauptverdächtigen der Affäre: den Finanzier Ivan Boesky. Jetzt läuft Pitt erneut ins andere Lager über. Präsident George W. Bush hat der Nominierung Pitts bereits zugestimmt, und in Washington wird erwartet, dass der 56-Jährige in den nächsten Tagen zum neuen Chef der amerikanischen Börsenaufsicht SEC ernannt wird - und damit zum obersten Sheriff der Wall Street.

Ein großer Coup für die Börsenaufsicht

Mit der Verpflichtung Pitts ist der Börsenaufsicht ein großer Coup gelungen: Der untersetzte Mann mit dem schon dünn gewordenen Haar und dem kargen Bart gilt in der New Yorker Finanzszene als Topanwalt. Kaum einer an der Wall Street kennt Bilanztricks und mögliche Gesetzeslücken besser als Pitt. Zur langen Liste seiner prominenten Klienten gehören Lloyd`?s of London, die New York Stock Exchange, viele der bekannten Investmentbanken, die größten fünf US-Wirtschaftsprüfungsfirmen und der Chef der High-Tech-Firma Microstrategy, Michael Saylor, der unter dem Verdacht der Bilanzfälschung stand.

Noch im vergangenen Jahr arbeitete Pitt erfolgreich gegen seinen künftigen Arbeitgeber. Die vom derzeitigen SEC-Chef Arthur Levitt angestrebte strenge Trennung zwischen Wirtschaftsprüfungs- und Beratertätigkeit der großen Consultingfirmen drehte Pitt ein Stück weit wieder zurück.

Jobwechsel ist mit Gehaltseinbruch verbunden

Der jetzige Sprung auf die andere Seite mag für Pitt finanziell ein gewisser Luxus sein. Denn statt wie bisher geschätzte sieben Millionen Dollar wird er künftig 133 700 Dollar pro Jahr verdienen. Ansonsten aber dürfte der Wechsel dem Republikaner Pitt nicht allzu schwer fallen. Schon einmal hatte er der SEC gedient. Unter Präsident Jimmy Carter war er in den späten siebziger Jahren ihr oberster Rechtsbeistand.

"Er gehört zu den besten Köpfen im gesamten Wertpapierwesen, außerdem ist er ein sehr harter Arbeiter", sagt John Coffee, Professor für Wertpapierrecht an der Columbia-Universität. Derzeit pendelt Pitt als Anwalt der Kanzlei Fried, Frank, Harris, Shriver & Jacobson noch beinahe täglich zwischen Washington und New York. Kaum eine Woche vergeht, in der er nicht 70 Stunden oder mehr arbeitet.

Dass einer einfach die Seiten wechselt, sei in den USA nichts ungewöhnliches sagt Coffee. "Pitt war gegenüber der SEC sehr aggressiv, ähnlich stark wird er jetzt als Vertreter der Wertpapiergesetze auftreten." Allerdings hat Coffee Zweifel, ob Pitt die Belange der kleinen, privaten Investoren so stark im Blick haben wird wie der derzeitige SEC-Chef Arthur Levitt.

Auf Pitt wartet viel Arbeit

Die Agenda des Neuen in der SEC ist lang. Zur Diskussion steht derzeit die noch von Levitt eingeführte Regel, wonach Aktiengesellschaften ihre Unternehmensinformationen nicht exklusiv an Analysten weitergeben dürfen, sondern gleichzeitig auch die Öffentlichkeit informieren müssen. Pitt wird sich auch mit ausländischen Buchhaltungsstandards befassen müssen, genau so wie mit den Herausforderungen des Aktienhandels per Internet.

Ein trockener Humor, außergewöhnliches Verhandlungsgeschick und Integrität werden dem im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsenen Pitt zugeschrieben. Nach einer schon in jungen Jahren gescheiterten ersten Ehe kümmert er sich in seiner knapp bemessenen Freizeit nun fast ausschließlich um seine Familie und Kinder. Und so kommt es schon mal vor, dass er auf dem Schulhof für die Klassenkameraden seiner jüngsten Tochter Eis produziert. Pitt: "Da werden meine Qualitäten dann wirklich geschätzt."

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