Börsenchef Seifert nutzt die hohe Bewertung der Aktie zur Kapitalbeschaffung
Börse baut Polster für Übernahmen auf

Die Deutsche Börse überrascht die Anleger: Mit einer Kapitalerhöhung sammelte sie eine knappe halbe Milliarde für den Kauf von Clearstream. Analysten trauen der Börse nun weitere Übernahmen zu.

FRANKFURT/M. Die Flaute am Aktienmarkt kann die Deutsche Börse nicht schrecken: Das Unternehmen hat am Donnerstag neue Aktien mit einem Marktwert von etwa 450 Mill. Euro am Kapitalmarkt platziert. Mit dem Erlös soll ein Teil der Übernahme des Wertpapierabwicklers Clearstream finanziert werden. Die 10,3 Millionen Titel (einschließlich Emissionsreserve) wurden für 44 Euro je Aktie von der Deutschen Bank an Großinvestoren in Europa und den USA verkauft.

Mit der Emission, die einer Kapitalerhöhung von zehn Prozent entspricht, hat die Börse Analysten und Investoren gleichermaßen überrascht. Dank der niedrigen Schuldenlast hätte der Konzern den Clearstream-Erwerb problemlos auch über Kredite finanzieren können. Mit der Eigenkapitalaufnahme erhält sich die Börse aber ihren finanziellen Spielraum für weitere Akquisitionen. "Wir wollten unsere finanzielle Flexibilität erhöhen, damit wir zu jeder Zeit alle Möglichkeiten nutzen können, den Wert der Deutschen Börse zu steigern", begründete Finanzchef Mathias Hlubek die Transaktion.

Analysten gehen nun davon aus, dass die Börse bald wieder zuschlagen könnte. Potenzielle Übernahmeziele gibt es in der internationalen Börsenlandschaft, die am Beginn einer Konsolidierung steht, reichlich. Börsenchef Werner Seifert machte aus seinen Wachstumsambitionen nie einen Hehl. Gestern sprach er nach Angaben von Teilnehmern auf einer Telefonkonferenz vage von "Möglichkeiten" der Expansion im Aktiengeschäft in Europa und im Derivategeschäft in den USA. In Amerika kooperiert die Börse bereits mit der Terminbörse Chicago Board of Trade (CBoT).

Analysten können sich darüber hinaus Zukäufe im Bereich Finanzinformationen vorstellen. Auch die Übernahme eines bankeigenen Wertpapierabwicklers gilt als denkbar. Nachdem die Frankfurter dank Clearstream bereits die börsenseitige Abwicklung von Wertpapiergeschäften kontrollieren, könnten sie im nächsten Schritt auch den Teil der Abwicklung unter ihre Fittiche nehmen, der bisher bei den Banken zu finden ist, vermuten Experten. Seifert selbst hatte bereits vor einiger Zeit im Handelsblatt Allianzen im Abwicklungsbereich angekündigt. Die BWS Bank, der Abwickler der genossenschaftlichen Institute, bot sich der Börse daraufhin selbst zum Kauf an.

Schließlich könnte die Börse auch die Übernahme eines großen europäischen Konkurrenten locken. In Frage käme insbesondere die London Stock Exchange (LSE). Die Londoner Börse verhandelt zur Zeit offenbar mit der US-Technologiebörse Nasdaq über eine Kooperation. Bei einem derartigen Pakt könnten die Frankfurter nach dem Urteil von Bankern nicht ruhig zusehen. Sie rechnen dann mit einer Offerte für die LSE, um eine zu starke Konkurrenz zu verhindern.

Der Kurs gerät unter Druck

Analysten halten die Kapitalerhöhung vor diesem Hintegrund für sinnvoll. "Die Börse erhält sich damit den Freiraum für Akquisitionen", meint Joachim Müller von JP Morgan. Dieser strategische Vorteil überwiegt seiner Ansicht nach die leichte Gewinnverwässerung pro Aktie, die die Kapitalerhöhung nach sich zieht. Nach Ansicht von Johannes Thormann von WestLBPanmure ist die Finanzierung via Aktien für das Unternehmen wegen der aktuell hohen Bewertung der Aktie derzeit attraktiv. "Es ist immer sinnvoll, Übernahmen mit hoch bewerteten Aktien zu bezahlen".

Am Donnerstag gerieten die Titel der Börse allerdings kräftig unter Druck. Am Nachmittag lag die Aktie bei 44,1 Euro mit 5,5 % im Minus. Händler wiesen darauf hin, dass großvolumige Aktienplatzierungen wegen des aktuell schlechten Börsenklimas bei Anlegern grundsätzlich nicht gut ankämen. Vor diesem Hintergrund sei es bereits ein Erfolg, dass die Emission überhaupt platziert werden konnte. Nach Angaben der Deutschen Bank war die Emission dreifach überzeichnet. Jörg Illhardt, Direktor Equity Capital Marktes der Bank, erhofft sich von der geglückten Emission eine "Signalwirkung" für das in Deutschland in diesem Jahr äußert lahme Aktiengeschäft.

Die jetzt eingesammelten Gelder wird die Börse nach Angaben eines Sprechers komplett für den Clearstream-Kauf verwenden. Insgesamt muss Seifert 1,74 Mrd. Euro für die restlichen 50 % des Abwicklers hinlegen, die ihm noch nicht gehören. Etwa 900 Mill. Euro davon stammen aus dem Börsengang im letzten Jahr. Darüber hinaus erhalten einige Aktionäre der Holding Cedel, bei denen die Clearstream-Aktien lagen, Aktien der Börse im Wert von 180 Mill. Euro. Die Börse hatte den Cedel-Eigentümern, einer Gruppe von 90 Banken, angeboten, einen Teil des Kaufpreises in Aktien zu begleichen. Diese rund 3,8 Millionen Aktien stammen dem Börsensprecher zu Folge aber nicht aus der gestrigen Kapitalerhöhung. Sie müssen in den nächsten Wochen zusätzlich ausgegeben werden.

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