Börseneuphorie verflogen
Daimler plagen Alltagssorgen

Reuters FRANKFURT. Als Jürgen Schrempp 1998 mit der Fusion von Daimler-Benz und Chrysler die Autobranche förmlich überfuhr, verglich er den Vorgang mit einer "Hochzeit im Himmel". Mittlerweile ist zumindest an den Börsen die Euphorie über die größte Fusion in der Automobilindustrie verflogen. Die Aktie des transatlantischen DaimlerChrysler - Konzerns ist kurz vor dem zweiten Jahrestag ihrer Börseneinführung am 17. November mit rund 53 Euro nur noch halb so viel wert wie die frühere Daimler-Benz-Aktie bei der Ankündigung der Fusion im Mai 1998. Und die US-Sparte Chrysler - sie erzielte im Fusionsjahr mehr als doppelt so viel Gewinn wie die Pkw-Sparte Mercedes - wies nun im dritten Quartal 2000 knapp 0,6 Mrd. Euro Verlust aus.

Am Donnerstagmittag notierte die DaimlerChrysler-Aktie in Frankfurt 0,6 % über Vortagesschluss auf 52,88 Euro. Viele Analysten sorgen sich um die Aussichten für die Chrysler-Sparte, die derzeit durch den scharfen Preiswettbewerb auf dem US-Markt und hohe Kosten für Modellwechsel belastet wird. "Sie sind zusammengegangen, als es Chrysler so gut ging wie nie zuvor - und es vielleicht auch nie mehr gehen wird", sagte ein Analyst mit Blick auf Chrysler im Fusionsjahr 1998. Andere Analysten sind auch enttäuscht darüber, dass der Konzern die finanziellen Vorteile aus der Fusion nicht mehr beziffert. Und in Europa dümpelte der Marktanteil von Chrysler-Fahrzeugen von Januar bis September unverändert bei 0,6 %.

Im 1998 veröffentlichten Verschmelzungsbericht war von Synergieeffekten durch die Fusion für 1999 von 2,5 Mrd. DM die Rede gewesen, die bis 2001 auf rund 6,4 Mrd. DM steigen sollten. An den Märkten wurden diese Zahlen schlicht zu den Ergebnissen von Daimler und Chrysler addiert, die zusammen im Fusionsjahr 1998 einen operativen Gewinn von 8,6 Mrd. Euro (fast 17 Mrd. DM) erwirtschafteten. Im laufenden Jahr rechnet der Konzern durch die Probleme im US-Geschäft ohne Einmaleffekte nun mit einem operativen Gewinn von sieben Mrd. Euro (13,7 Mrd. DM) und ist damit weit von den ursprünglichen Hoffnungen der Märkte entfernt.

"Am Anfang wurden viele Versprechungen gemacht. Von den Zahlen her ist klar, dass nicht viel eingehalten wurde", sagte Xavier Gunner von der Investmentbank UBS Warburg zuletzt. Einige Marktteilnehmer träumen nun davon, dass der Konzern Chrysler wieder abgeben könnte. Doch damit rechnet an den Märkten und bei DaimlerChrysler selbst kaum jemand. "Das ist völlig absurd, das ist (in der Konzernführung) absolut kein Thema", hieß es in Firmenkreisen. Einige Analysten haben errechnet, was eine Abspaltung von Chrysler für die Daimler-Aktie bedeuten würde, und kamen auf mögliche Kurszuwächse um etwa ein Drittel. Eine Fondsmanagerin sagte, derzeit halte die Mercedes-Sparte den Wert der Aktie, "und den Rest gibt es mehr oder weniger umsonst".

"Erst kamen die Flitterwochen, und nun die Alltagsprobleme", sagte ein DaimlerChrysler-Manager. Menschliche Faktoren seien bei der Fusion vernachlässigt worden. Viele deutsche Manager fürchteten, sie würden amerikanisiert und die Marke Mercedes werde beschädigt. Viele Amerikaner meinten ihrerseits, von den Deutschen "über den Tisch gezogen zu werden". "Es gibt noch nicht die Empfindung, für ein einziges Unternehmen zu arbeiten", sagte er. Dadurch würden viele Einsparungen nicht realisiert. "Es kommt aber einer Quadratur des Kreises gleich, Vielfalt zuzulassen und zugleich einen gemeinsamen Geist haben zu wollen."

Bei einem Treffen mit Führungskräften räumte Konzernchef Schrempp nach Angaben von Teilnehmern zuletzt ein, dass bei der Integration einige Fragen vielleicht nicht konsequent genug verfolgt worden seien. Die Bereiche müssten stärker vernetzt werden, nur so könnten Wissen und Technologie effizient genutzt werden. Die Manager jedenfalls hätten Schrempp unterstützt. "Der Beifall hörte gar nicht mehr auf", sagte ein Teilnehmer.

Die größten Aktionäre des Konzerns stützen bislang den Kurs Schrempps. "Natürlich habe ich Vertrauen (in die Vorstände), sonst wären sie nicht da", sagte der Chef des Aufsichtsrats von DaimlerChrysler, Hilmar Kopper, Anfang Oktober. Kopper vertritt als Ex-Vorstandssprecher der Deutschen Bank deren Interessen als größter Aktionär (Anteil zwölf Prozent). Ein Vertreter des Staates Kuwait, zweitgrößter Aktionär mit sieben Prozent, sagte zuletzt dem "Wall Street Journal": "Wir denken, dass das Management die richtigen Entscheidungen trifft."

Gudrun Hofer von der Fondsgesellschaft Adig sagte, sie halte die Daimler-Aktie langfristig trotz allem für kaufenswert. "Auf lange Sicht wird es (die Fusion) sich sicher lohnen", sagte sie. Es würde daher keinen Sinn ergeben, Chrysler abzustoßen. Adig - nach Hofers Worten einer der größeren institutionellen Investoren bei DaimlerChrysler - stocke derzeit auf lange Sicht Daimler-Aktien auf. Auch Analysten sehen trotz der Lasten durch Chrysler strategische Vorteile. Zudem sei der Konzern durch die neuen Allianzen mit den asiatischen Herstellern Mitsubishi und Hyundai nun weltweit aufgestellt.

Konzernchef Schrempp verglich die derzeitige Situation des Konzerns zuletzt mit einem Schiff in schwerer gewordener See. Sein Unternehmen verfolge das Ziel, weltweit die Nummer eins unter den Autoherstellern zu werden. "Dazu braucht man Verstand, dazu braucht man natürlich auch Durchhaltewillen. Man muss seinen Kurs halten - auch dann, wenn die See einmal rau wird.

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