Börsengänge sind derzeit nur in den USA eine Option
Markt für Risikokapital trocknet aus

Die Beteiligungsmanager favorisieren derzeit den Mittelstand und alles, was das Etikett "old economy" trägt. Aber ohne Frühphasenfinanzierungen wird es in Zukunft auch keine heißen Börsenkandidaten geben. Während hier zu Lande noch Lethargie herrscht, gibt es in Amerika schon eine Belebung bei den IPO?s.

FRANKFURT. Der Risikokapitalmarkt liegt am Boden. Für junge Unternehmen und Gründer sind nahezu alle Geldquellen versiegt. Die Wagniskapitalgesellschaften selbst plagen hohe Abschreibungen auf ihren Beteiligungsbestand. Mittelfristig wirkt sich das auch auf die Börse aus, denn die "start ups" von heute sind die IPO-Kandidaten von morgen.

Der Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) in Berlin schlägt schon Alarm: "In den kommenden Wochen und Monaten werden wir versuchen, die Politik angesichts der dramatischen Situation zu mobilisieren", sagt BVK-Geschäftsführer Holger Frommann. Im ersten Halbjahr sind nur noch 3,4 % des gesamten Risikokapitals oder kümmerliche 40,5 Mill. Euro in den "Seed"-Bereich geflossen, für eine Unternehmensgründung gibt es kaum noch privates Kapital. Für Erstinvestitionen hätten nur noch große Finanzierer die notwendigen Mittel, etwa Deutsche Venture Capital, 3i, oder Wellington Partners. "Es gibt viele Nachfinanzierungen und generell kleinere Finanzierunsgrunden", sagt Frommann. Viele Geldgeber haben innerhalb von nur zwei Jahren eine Kehrtwendung vollzogen, die neuen Zauberworte heißen "later stage" und "Buyout", die Finanzierung etablierter Mittelständler und der Herauskauf von Konzernteilen soll die Renditesorgen vertreiben.

Die Gründermentalität hat sich in Luft aufgelöst. "Der Nachwuchs fehlt, die Ausgründungen aus Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen sind deutlich gesunken", hat Frommann beobachtet. Ähnliche Erfahrungen hat man beim Wagniskapitalgeber 3i gemacht. Das Schwergewicht im Markt, das seit 1986 über 1,7 Mrd. Euro in 500 Unternehmen in Deutschland investiert hat, sucht vergebens nach neuen Beteiligungschancen: "Wir würden gerne 110 Mill. Euro im Early Stage-Bereich investieren, es gibt aber nicht genügend Geschäftsmodelle", sagt Geschäftsführer Andreas Kochhäuser.

Schon jetzt wirkt sich die Scheu vor Technologieunternehmen auf das Börsenklima aus. In den USA kamen im zweiten Quartal immerhin zwölf mit Wagniskapital finanzierte Unternehmen an die Börse, das IPO-Volumen erreichte 1,3 Mrd. Dollar, die Halbzeitbilanz zeigt damit insgesamt 50 IPO's, hat Thomson Venture Economics zusammen mit der National Venture Capital Association ermittelt. Während in Deutschland Fehlanzeige vermeldet wird, sieht man in Amerika erste Anzeichen für eine Wiederbelebung.

Bei den Gründen für den Niedergang der deutschen IPO-Kultur ist man sich weitgehend einig, dass der Neue Markt eine zentrale Rolle spielt. Das 1997 gestartete Börsensegment sollte innerhalb weniger Jahre einen Jahrzehnte ausmachenden Vorsprung der Nasdaq aufholen. So ging alles viel schneller als in den USA - und letztlich auch schief. "Viele Unternehmen kamen nicht über ein Venture Capital-Portfolio eines Finanzinvestors an den Markt, sondern ließen diese Stufe aus und wurden direkt aufgenommen", sagt Maximilian Brönner, Partner bei der schweizerischen LGT Capital Partners. So wurden die Auswahlkriterien der Wagniskapitalgeber - in der Regel Fonds, die mehrere Beteiligungen halten - übergangen. Der Neue Markt musste die Spreu vom Weizen trennen, das Ergebnis waren die spektakulären Skandale.

Alles auf den Neuen Markt zu schieben, wäre aber auch falsch, schließlich scheitern auch in den USA regelmäßig Nasdaq-Firmen. Fast alle Fachleute sehen auch ein "Mentalitätsproblem", das hier zu Lande bleischwer auf der Stimmung lastet. US-Investoren lassen sich nicht so schnell verunsichern, sie sind mit der Zyklik der Märkte vertraut. "Die Amerikaner haben gelernt, mit Volatilitäten zu leben", sagt Kochhäuser von 3i.

Aber es gibt auch Hoffnung. Brönner von LGT Capital Partners glaubt, dass die nächsten IPO-Kandidaten in den USA und auch in Europa qualitativ besser sein werden. Bei den vorbörslichen Bewertungen deute sich eine Stabilisierung an, es bilde sich "eine neue Vertrauensbasis." "Man wird nur sehr hochwertige Unternehmen an den Markt bringen, ein positiver Cash-flow wird sicherlich - abgesehen vom Healthcare-Bereich - eine wichtige Voraussetzung sein", meint Kochhäuser. Medizintechnik und Biotechnologie seien aussichtsreich, der Telekom-Sektor dagegen weiterhin nicht. Und: "Neue Energien sind ein ganz heißes Thema", sagt Götz Hoyer von der Consultingfirma Mackewicz & Partner.

Ob sich der VC-Bereich in Europa schnell erholt, ist noch fraglich: "Bis die Übertreibungen endgültig aus dem Markt sind, wird es noch ein bis zwei Jahre dauern", schätzt Brönner. Das könnte für viele Geldgeber zu lang sein. "Noch ein Jahr wie 2002 hält der Markt nicht aus", sagt ein Insider.

Quelle: Handelsblatt

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