Börsengang von Private Media: Porno-Aktie startet am Neuen Markt

Börsengang von Private Media
Porno-Aktie startet am Neuen Markt

Ausgerechnet eine Porno-Aktie soll das ramponierte Image des Neuen Markts aufpolieren. Sechs Monate ging nichts an der einstigen Wunderbörse. Jetzt wagt das spanische Sex-Imperium Private Media den Börsengang. Hoffnung auf eine neue Kursrakete bietet es aber nicht.

HB BARCELONA/FRANKFURT. Das Lachen gehört einfach dazu, wenigstens das Grinsen. Wer bei der Private Media Group arbeitet, der tut so, als sei es völlig normal, den ganzen Tag auf nackte Körper zu blicken, auf Bilder muskulöser Hünen und großbusiger Blondinen, die ineinander verschlungen sind. "Wunderbar", meint Alex und lacht: "Jedenfalls besser, als Waschmaschinen zu verkaufen." Und Kollegin Ana sagt: "Was ich verpacke, ist doch egal."

Mausgrau das Gebäude, mausgrau die Schränke, braun die Schreibtische; aber in dem Großraumbüro der Private Media im kleinen Städtchen Sant Cugat del Vallés bei Barcelona wird harte Hochglanz-Pornografie produziert: vier Sex-Magazine, monatlich fünf bis sechs Videos, dazu zehn DVD. Private gehört zu den ganz Großen im internationalen Sexgeschäft. In 35 Ländern bieten die Spanier ihre heiße Ware an. Dazu kommen zwei eigene Fernsehsender und diverse Internetseiten. An der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq ist der Pornokonzern bereits gelistet. Jetzt soll am 4. Februar der Sprung an den Neuen Markt folgen. Es wäre der erste Neuzugang für das schwer angeschlagene Börsensegment nach einem halben Jahr Pause.

Solides Geschäftsmodell

Haucht jetzt ausgerechnet eine Schmuddelaktie der Schmuddelbörse neues Leben ein? Immerhin bringt Private eine ganze Menge jener Qualitäten mit, die die Experten von den Börsenkandidaten am Neuen Markt verlangen: erfahrenes Management, solides Geschäftsmodell und stetig steigende Gewinne. Und das Image der einstigen Wunderbörse ist nach dem gnadenlosen Kurssturz, der Welle von Unternehmenspleiten und einer langen Liste von Skandalen ohnehin fast so mies wie das der Pornoindustrie.

Trotzdem: Karl Fickel, Partner der Fondsgesellschaft Lupus Alpha, ist enttäuscht: "Da wartet man monatelang, wen die Banken nach der Krise als Ersten ins Rennen schicken, und dann wird man derart überrascht." Das sei gar kein echter Börsengang, sondern nur ein Zweitlisting. "Außerdem ist das Image nicht gerade das, was der Markt jetzt braucht", grummelt der Spezialist für Wachstumswerte.

Ein Kollege von Fickel sieht das etwas entspannter: "Private ist ein Wachstumsunternehmen auf einem Wachstumsmarkt." Immerhin habe die Aktie den Absturz der Nasdaq fast unbeschadet überstanden. Allerdings traut auch dieser Fondsmanager, der vor der Emission lieber anonym bleiben will, dem sexy Newcomer keine großen Sprünge zu. "An der Nasdaq notiert Private bei etwa acht Dollar. Auf diesem Niveau wird auch der Ausgabekurs am Neuen Markt liegen. Damit ist das Potenzial ziemlich ausgereizt." Den großen Durchbruch werde Private auf keinen Fall bringen.

Private reitet auf der Sexwelle

Immerhin verspricht der Pornomarkt weiteres Wachstum. Studien schätzen das weltweite Volumen auf 40 Milliarden Dollar. Allein die Amerikaner lassen sich das erotische Vergnügen im Jahr rund zehn Milliarden Dollar kosten - mehr, als sie 2000 an den Kinokassen ausgegeben haben. Private reitet auf dieser Sexwelle. 2001 erzielte das Unternehmen nach Analystenschätzungen bei einem Umsatz von 41 Millionen Euro gut elf Millionen Euro Gewinn - ein sehr solides Geschäft also. Bis Ende 2003 sollen die Einnahmen auf 73 Millionen Euro steigen, das Ergebnis auf 19 Millionen. Private ist fast schuldenfrei und gehört zu der äußerst seltenen Spezies von Unternehmen, die im Internet Geld verdienen.

400 Hardcore-Filme und zwei Millionen eindeutige Fotos schlummern in den Archiven, die Hälfte davon bereits digitalisiert. Ein Schatz, den das US-Wirtschaftsmagazin Forbes mit den Beständen des Hollywood-Riesen Metro Goldwyn Mayer vergleicht. Forbes reiht die spanische Sexschmiede gar in die Reihe der 20 erfolgreichsten Kleinunternehmen der Welt ein.

In der spanischen Private-Zentrale verbreiten Bilder von Familien und fröhlich blinzelnde Kinderaugen an den Wänden Normalität. Aber auf den Schreibtischen liegen neu entworfene Titelbilder, die in den meisten Bürostuben versteckt würden: nackte Körper in eindeutigen Stellungen. Hier entstehen Magazine und Internetseiten, es wird getextet und übersetzt. Die eigentlichen Bilder liefern Fremdfirmen, also Pornoproduzenten. Arie, ein Niederländer wie viele andere hier, dunkelblondes Haar, in Jeans und Hemd gekleidet, beauftragt die Produzenten und sucht Drehorte aus. Fünf Jahre ist er im Geschäft, viele Jobs, sagt er, habe er schon gemacht, und dieser sei nicht wie jeder andere. Dieser hier "macht Spaß".

Prototyp eines Investment-Bankers

Dem Herrn über dieses Porno-Imperium hat es anfangs gar keinen Spaß gemacht. In seinem dunkelblauen Business-Anzug und den zurückgegelten blonden Haaren sieht der 46-jährige Schwede Berth Milton fast wie der Prototyp eines Investment-Bankers aus. Er ist sichtlich bemüht, eine Aura von Seriosität zu verbreiten. "Es ist egal, ob ich einen Stahlkonzern oder einen Porno-Produzenten leite. Was zählt, ist nur das Geschäft", lautet sein Leitsatz. So locker hat Milton das allerdings nicht immer gesehen. Das Sex-Geschäft wurde ihm zwar quasi in die Wiege gelegt. Doch lange Jahre sträubte er sich gegen dieses Erbe.

Miltons Vater hatte 1965 das erste vierfarbige Pornomagazin überhaupt auf den Markt gebracht. Doch der heutige Private-Chef fühlte sich vom Rotlicht-Image der Branche abgestoßen und nutzte die erste Gelegenheit zur Flucht. Mit 15 heuerte er auf einem Frachter nach Südamerika an: "Mein Vater war ein echter Pornograf, der wie Playboy-Gründer Hugh Hefner liebte, was er tat. Damit wollte ich nichts zu tun haben", sagt Milton.

Umstrukturierung

1991, inzwischen ist Milton mit Immobiliengeschäften und an der Börse zu Geld gekommen, lässt er sich doch noch überreden, den abgetakelten und verschuldeten Verlag seines Vaters zu übernehmen. Sofort macht er sich an die Umstrukturierung, beginnt Filme zu drehen und ins Internet zu gehen. Doch das Pornogeschäft ist ihm immer noch nicht geheuer: "Ich wollte das Unternehmen sanieren und möglichst schnell verkaufen." Doch dann kamen der finanzielle Erfolg und die Notiz an der Nasdaq. Milton blieb dabei.

Der endgültige Sinneswandel kam vor drei Jahren an der Cote d?Azur. Ein Mitglied eines traditionsreichen europäischen Adelshauses habe ihn gefragt, womit er denn so sein Geld verdiene, erzählt Milton. "Ich bin Chef von Private Media und mache Pornos", habe er geantwortet. Darauf der Graf: "Ach so, Private, kenne ich, sehr anregende Filme." Für Milton ein Aha-Erlebnis. "Wenn ein echter Adliger zur Pornografie stehen kann, dann kann ich das auch."

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