Börsenkolumne
Inside Wallstreet: Alle hoffen auf Cisco

"Pass auf, der wird die Zinsen senken", scherzte ein Kollege auf der Straße vor der Börse. Das wird Greenspan zwar aller Wahrscheinlichkeit nach nicht tun, doch ist dieser nur theoretisch mögliche Ausgang der Fed-Konferenz zumindest eine Überlegung wert.

NEW YORK. Denn nachdem der Markt der Konjunktur eine Zeit lang davon galoppiert war, geht ihm die Puste aus. Und deutlich wird: Die Erholung war nicht so nachhaltig und stark wie der Aktien-Run hatte glauben lassen. Auch die jüngsten positiven Konjunkturdaten lassen sich biegen.

Zwar notiert das Bruttoinlandsprodukt mit einem Plus von 5,8 % auf einem höheren Niveau als erwartet. Doch entfällt ein guter Teil davon auf die Aufstockung von Lagern und auf den erwartet starken Rüstungssektor. Die Endnachfrage ist nur um 2 % gestiegen - mit dieser Zahl ist das eigentliche Konjunkturwachstum eher beschrieben.

Und auch diese 2 % sieht nicht jeder. "Ich weiß, dass das Bruttoinlandsprodukt stark angezogen hat", sagte Intels CEO Craig Barrett am Montag. "Auf die IT-Investitionen der Unternehmen hat sich dies aber noch nicht durchgeschlagen." Und am Dienstag legt IBMs Sam Palmisano nach: "Es ist ganz klar, dass sich die Industrie in diesem Jahr nicht erholen wird, und dass wir auch im nächsten Jahr kein zweistelliges Wachstum haben werden." Palmisano sagt, man müsse das Unternehmen entsprechend "stutzen" - schon am Montag Gerüchte kursiert, "Big Blue" werde noch in dieser Woche 20 000 Entlassungen bekannt geben.

Wo also ist der Aufschwung? Die Konzerne spüren ihn nicht, am wenigsten im High-Tech-Bereich. Die Nasdaq hat zum Wochenstart 1600 Punkten schon die zweite Unterstützungslinie innerhalb weniger Tage durchbrochen. Jetzt denken viele an Barton Biggs von Morgan Stanley, der schon vor Monaten gewarnt hatte, der Markt würde die September-Tiefs noch einmal testen. Damals hatte man ihn als Schwarzmaler abgetan.

Wenn am Mittag die Fed im Kaffeesatz der Konjunktur liest, dann könnten Chairman Greenspan und Kollegen durchaus zu dem Schluss kommen, dass man dem Markt noch einmal auf die Beine helfen müsse. Natürlich wissen sie zu gut, dass eine erneute Senkung des historisch niedrigen Leitzinssatzes keinen praktischen Nutzen hätte, psychologisch aber ein falsches Signal wäre. Nackte Angst wäre die Reaktion der Anleger.

Deshalb werden sie auch die allgemeine Bewertung nicht ändern, die zur Zeit auf "Neutral" lautet. Doch in den Fingern jucken dürfte es die Offiziere. Vielleicht wird sich der sonst so besonnene Alan Greenspan fragen, ob es nicht voreilig war, im März von "Negativ" auf "Neutral" zu gehen. Doch abstufen wird er wohl nicht - die Folgen wären wie oben genannt.

Die Wall Street wartet daher auf Cisco. Wenn CEO John Chambers am frühen Abend den erwarteten Gewinn von 9 Cent pro Aktie vorlegen wird, dann dürften vor allem die Netzwerk- und Telekomanleger vorerst durchatmen - denn es wäre das erste Gewinnplus für den Branchenführer seit mehr als einem Jahr. Sollte sich Chambers aber den pessimistischen Kommentaren der Kollegen anschließen, dann müsste wohl auch Greenspan weiteren Kursstürzen hilflos zusehen.

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