Börsenkrise verschärft Problem der britischen Altersversorgung
Großbritanniens Rentensystem verliert an Glanz

Britische Arbeitnehmer beobachten die Kursverluste an den Aktienmärkten mit besonderer Aufmerksamkeit, haben doch viele ihre Altersversorgung mit Börsenwerten geplant. Die Rentenbombe tickt unaufhörlich, während die Gewerkschaften einen höheren Arbeitgeberbeitrag zu den Rentensparverträgen fordern.

LONDON. Großbritanniens mächtige Versicherer und Pensionsfonds bemühen sich, Ruhe zu verbreiten. Sie sind von den Kursverlusten der Worldcom-Krise überdurchschnittlich betroffen, betonen aber, man denke nicht an Aktienverkäufe. "Wir halten an unserem Investitionsmix fest", sagte ein Sprecher von Prudential, die ihren Aktienanteil inzwischen auf 54 % heruntergefahren hat. Britische Rentensparer dagegen sehen mit Bangen auf den Londoner "Footsie". Der Aktienindex lag gestern unter dem Niveau, den er beim Antritt der Labourregierung im Juni 1997 hatte. Fünf Jahre Sparanstrengungen haben sich für viele in Luft aufgelöst. Der Wertverlust der Fonds, die über 1000 Milliarden Pfund investiert haben, gefährdet den Altersfrieden von Millionen Briten.

Galt Großbritannien mit seinen kapitalfinanzierten Renten und den riesigen Vermögen privater und betrieblicher Pensionsfonds lange als Vorbild für die "Riester-Rente", hört man nun immer häufiger das Wort von der "Rentenbombe". Der akute Markteinbruch verschärft dabei eine Langzeitentwicklung, die das gesamte britische Rentensystem in die Krise gebracht hat. Der Gewerkschaftsverband TUC warnte vergangene Woche vor Millionen von Sozialfällen, die zukünftige Generationen belasten könnten. Oppositionsführer Iain Duncan Smith rief Gewerkschaften, den Industrieverband CBI und Versicherungsverbände zum Rentengipfel. Die Briten legen nicht genug zurück fürs Alter. Berechnungen der Versicherungsmathematiker erwiesen sich angesichts steigender Lebenserwartung als Makulatur. Niedrige Zinsen, fallende Aktienkurse und die von Labour 1997 eingeführte Zinsbesteuerung der Rentenfonds verlangen eigentlich höhere Vorsorgeanstrengungen.

Aber die Krise von Versicherungsgiganten wie Equitable Life führte zu zusätzlichem Vertrauensschwund und immer mehr Kunden kehren dem Problem angesichts wachsender Komplexität den Rücken. Auch Arbeitgeber. Vergangene Woche gingen die Gewerkschaften in die Offensive. TUC Chef John Monks forderte die nationale Rentendiskussion. "Wir werden für die Sicherung unserer Renten auch in den Streik gehen", warnte die mächtige Amicus-Gewerkschaft.

Die Kritik konzentrierte sich dabei auf den "katastrophalen Verfall" der betrieblichen Altersversorgung. Seit 1995 haben die Arbeitgeber laut TUC ihre Rentenzuschüsse um 4 Mrd. Pfund zurückgefahren - Lohnkürzungen, die in keinen Tarifverhandlungen auftauchen. Dabei hatten sie schon in den Zeiten starker Aktienmärkte durch Selbstbefreiung von Beiträgen über 19 Mrd. Pfund gespart. Nun, wo es wieder teurer wird, werden immer mehr so genannte "final salary schemes" geschlossen, also Pensionssparverträge, die einen festen Prozentsatz des Schlussgehalts garantieren.

Nach Angaben des Verbands der Versicherungsmathematiker (ACA) wurden 60 % dieser Pläne für Neuzugänge abgeschlossen, die Hälfte der übrigen plant dies. In der Regel werden sie in reine Kapitalsparpläne ohne garantierte Endleistung umgewandelt. Arbeitgeber steuern durchschnittlich 9 % weniger als Arbeitnehmer bei; das angesichts der Zins- und Aktienentwicklung kaum absehbare Risiko wird ganz auf die Arbeitnehmer abgewälzt.

Betroffen davon wären Beschäftigungsgiganten wie die Supermarktkette Sainsbury's und britische Kundenbanken von Barclays bis Natwest, aber auch Kleinstunternehmen - zum Beispiel die Deutsche Schule in London. Stehen die Kleinbetriebe oft vor der Wahl, ihre Rentenverpflichtungen oder ihr Überleben zu sichern, schrecken die Großen davor zurück, eventuelle Defizite nach der neuen Bilanzierungsvorschrift in ihren Bilanzen auszuweisen.

Kritiker wie die ACA werfen der Labourregierung vor, das Ausmaß der Krise zu unterschätzen. Labour verließ sich bisher darauf, dass sich die Wähler für knifflige Rentenfragen wenig interessieren. Das Durchschnittsalter der britischen aktiven Wähler liegt angesichts der Wahlenthaltung jüngerer Generationen bei 55 Jahren. Plötzlich sind die Renten wie Gesundheit und Transport zu einer Lebensfrage für Labour geworden. Schatzkanzler Gordon Browns Chefökonom, Ed Balls, räumte ein, dass man "am Anfang einer schweren Krise sozialer Ungleichheit" steht. Nicht weniger als drei Expertenberichte sind zur Zeit in Arbeit; alle denken nach, wie man die Vorsorgebereitschaft stärken kann. Als so gut wie sicher gilt die einfachste Lösung: die Anhebung des Rentenalters.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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