Börsenkurse brechen ein
Not in Argentinien entlädt sich in Plünderungen

Hunderte von Personen, darunter ganze Familien mit Kindern, drängelten sich an den Regalen und rafften alles an sich, was die Hände, T-Shirts und mitgebrachten Taschen tragen konnten: Innerhalb von wenigen Stunden in der Nacht von Montag auf Dienstag wurden fünf Supermärkte in der Provinz Entre Rios, etwa 300 km von Buenos Aires entfernt, komplett leergeräumt.

ang/ret BUENOS AIRES. Nicht nur Lebensmittel, auch Fahrräder, Reinigungsmittel, Alkohol und sogar Kühlschränke und andere elektrische Geräte fielen der Plünderung zum Opfer.

Einige fuhren gar im Auto vor und nutzten die Gunst der Stunde für den kostenlosen Großeinkauf. Die Polizei suchte gewalttätige Zusammenstöße zu vermeiden und ließ vollbepackte Menschen unbehelligt abziehen. Das gleiche Schauspiel wiederholte sich in den frühen Morgenstunden in zahlreichen Supermärkten der Provinz Buenos Aires. Überfälle auf Supermärkte gab es in Argentinien zuletzt in den 80-er Jahren. Der soziale Niedergang im Zuge der Hyperinflation beschleunigte löste damals den vorzeitigen Rücktritt von Raúl Alfonsín, Parteigenosse des heutigen Staatschefs Fernando de la Rúa. Der reagierte jetzt ebenso wie Alfonsín damals mit Trostpflästerchen: Lebensmittel im Wert von 7 Mill. $ sollten noch am Dienstag in die betroffenen Gebiete geschickt werden, um die soziale Lage zu entschärfen. Doch Rezepte zur Behebung der Grundprobleme hat die Regierung nicht zu bieten.

Das Dilemma des Dauerkrisenlandes nannte der Internationale Währungsfonds (IWF) erstmals deutlich beim Namen: Die Kombination aus "Haushaltsdefizit Null", hoher Verschuldung und dem restriktiven Währungssystem in Argentinien sei "nicht haltbar", erklärte IWF-Chefökonom Kenneth Rogoff bei der Präsentation eines Berichts, der für dieses Jahr einen Wachstumsrückgang von 2,7 % und für nächstes Jahr von 1,1 % prognostiziert. Die argentinische Regierung habe dies erkannt und arbeite gemeinsam mit dem Fonds an Lösungswegen. Der IWF sei "bereit zu helfen", erklärte Rogoff.

Hilfe könnte zunächst in Form von Aufschiebung der anstehenden Zahlungen von insgesamt 940 Mill. $ an den IWF aus dem Kreditabkommen vom Dezember 2002 kommen, die am 17. Januar fällig werden: "Es gibt die Möglichkeit, das Datum hinauszuschieben", so IWF-Pressesprecher David Hayley.

Das Chaos in den Straßen von Buenos Aires hatte zur Wochenmitte indes keinen größeren Einfluss auf die Kurse argentinischer Staatsanleihen. Mit großem Interesse wurde an den internationalen Bondmärkten darauf geschaut, ob das krisengeschüttelte Land die in diesen Tagen anstehende Zinszahlung auf eine im Jahr 2008 fällige Dollaranleihe leisten wird. Dass die meisten Bondhändler in dieser Hinsicht optimistisch sind, zeigt der Kursanstieg der Anleihe um 0,375 Basispunkte auf zuletzt 31,375 %. Dieses Kursniveau entspricht einer Rendite von rund 42 %.

Der Januar dürfte für Argentinien nach Ansicht der WestLB wegen der Umschuldungsgespräche mit dem IWF ein sehr schwieriger Monat werden. Fernando Losada von ABN-Amro erwartet, dass Argentinien bei der Umschuldung ausländische Anleihebesitzer stärker zur Kasse bitten wird. Die dann neu emittierten Anleihen dürften einen deutlich niedrigen Kupon tragen.

An der Aktienbörse in Buenos Aires gaben die Kurse zur Eröffnung deutlich nach. Der von der Börse ermittelte Merval-Index wies nach einer halben Handelsstunde einen Verlust von 3 % auf. Dabei sahen sich vor allem die Aktien der Banken starkem Kursdruck ausgesetzt.

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