Börsenprognosen
Querdenker unter den Analysten

Von Berufsoptimisten haben Anleger mehr als genug. Gefragt sind Meinungsmacher mit Augenmaß und eigenem strategischen Ansatz. Wir stellen fünf Andersdenker unter den Analysten, Ökonomen und Fondsmanagern vor.

Warum steigen Aktienkurse? Weil es an der Börse mehr Optimisten als Pessimisten gibt, lautet die gängige, aber falsche Antwort. Wahr ist nur: Die Optimisten und ihre Kursprognosen nimmt das Anlegervolk mit mehr Aufmerksamkeit zur Kenntnis. Daraus entsteht der so genannte Konsens, in den sich Profis oder Amateure mit Vorliebe kuscheln. Leider erwachsen aus dem, was die Mehrheit denkt, auf Dauer keine guten Gewinn-Chancen.

Das weiß auch eine wackere Minderheit, die stets mutig gegenhält - keine notorischen Pessimisten, die, wenn sie nur lang genug warten, irgendwann auch mal Recht bekommen, sondern Analysten, Ökonomen und Fondsmanager, die nah an den Märkten und deshalb in ihren Einschätzungen flexibel sind. Optimismus versprühen sie am liebsten, wenn die Börse am Boden liegt. Im vergangenen September beispielsweise: In Weltuntergangsstimmung rieten sonst vorsichtige Naturen zum Aktienkauf - und lagen richtig damit.

Heute ist es genau umgekehrt: Die Mehrheit betrachtet die Gewinn- und Kursaussichten mit Optimismus, weil spätestens ab dem zweiten Halbjahr die Konjunktur wieder anspringen werde. Zwar deuten diverse Indikatoren tatsächlich darauf hin, US-Ökonom Rüdiger Dornbusch gibt aber zu bedenken, dass der Aufschwung nur mit 70 Prozent Wahrscheinlichkeit kommt. Er warnt: "Vergesst mir nicht die restlichen 30 Prozent."

Im Folgenden stellen wir fünf Analysten und ihre Meinung über die Börsenzukunft vor.

Dieter Wermuth, UFJ-Bank: "Aktionäre brauchen eine Risikoprämie"

In Dieter Wermuth darf man sich nicht täuschen. So ausgeglichen und sympathisch er im Ton auch ist - sein Urteil zu den Märkten kommt wie eine Peitsche: "Allein die US-Börse hat einen Korrekturbedarf von 50 Prozent." Der Konsens unterschätzt die Risiken dramatisch. Nach Wermuths Berechnungen müssten angesichts der nach wie vor bestehenden Risiken Aktien gegenüber Bonds in den Kursen "eine Risikoprämie von drei bis vier Prozent aufweisen". In Wirklichkeit ist sie gleich null.

Dass die Märkte solche Diskrepanzen bislang schlucken, führt Wermuth darauf zurück, dass sich die Börsianer von der relativen Ruhe an den Devisenmärkten einlullen ließen: "Die Volatilität der Hauptwährungen zueinander ist deutlich gesunken." Das werde sich aber bis spätestens Ende 2003 ändern, wenn das Ausland das hohe US-Leistungsbilanzdefizit nicht mehr so klaglos finanziert wie bisher. Dann werde der US-Dollar, bei entsprechenden Marktturbulenzen, von derzeit etwa 112 auf 83 Euro-Cent abstürzen.

Investment-Stratege Marc Faber: "Schiefe Optik verlangt nach Korrektur"

Der Name seines Newsletters ist Programm. Im "Gloom, Doom and Boom Report", dem Marc Faber seinen Titel "Dr. Doom" verdankt, nimmt der in Hongkong ansässige Marktstratege kein Blatt vor den Mund. Dort ist zu lesen, dass Schein und Sein in der US-Industrie weit auseinander klaffen: "Für die Anleger weltweit gelten die Industrie und die Finanzszene in den USA als das leuchtende Vorbild an Transparenz und Fairness, während in Asien alles ein bisschen dubios und undurchsichtig erscheint."

Diese schiefe Optik, im Fall Enron erstmals öffentlich geworden, müsse korrigiert werden, meint Faber. Dass so etwas in längeren Zeiträumen auch geschieht, hat die Vergangenheit - damals in umgekehrter Richtung - schon bewiesen: "In den späten 80er Jahren galt Asien als großes Dynamik-Vorbild, seit Mitte der 90er als Niemandsland für Anleger." Entsprechend niedrig sind dort heute die Bewertungen.

Martin W. Hüfner, HypoVereinsbank: "Weder Rezession noch Aufschwung"

Volkswirte sind eigentlich zu beneiden. Das statistische Material, mit dem sie Prognosemodelle und Frühindikatoren füttern, war nie so umfangreich wie heute. Doch hilft das wenig, wenn daraus der Börsentrend bestimmt werden soll. Martin W. Hüfner, Chef-Volkswirt der HypoVereinsbank, ist zwar sicher, dass sich die Rezession dem Ende zuneigt. Doch von einem echten Aufschwung könne nicht die Rede sein: "Das wird nicht mehr als ein Strohfeuer."

Börsianer kalkulierten schon Ende 2001 für das laufende Jahr mit der Formel Wirtschaftswachstum plus Gewinndynamik gleich Kursgewinne. "Das war zumindest voreilig", sagt Hüfner, "damit kann man auch die optimistischen Dax-Prognosen bis auf weiteres vergessen." Die Kurskorrekturen im ersten Quartal bestätigen seine Analyse ebenso wie die Diskrepanz zwischen hochtrabenden Gewinnschätzungen von Analysten und handfesten Aussagen von Firmenmanagern.

Alfons Cortés, Unifinanz: "Markttechnik verrät, was niemand weiß"

Noch zur Jahreswende 2001/2002, wenige Wochen vor der Enron-Pleite, empfahlen selbst renommierte Investmenthäuser die Aktie zum Kauf mit dem Argument, jetzt sei sie billig. Ein fataler Trugschluss, dem Nischenplayer Alfons Cortés nie erlegen wäre. Dehnbare Kriterien wie teuer oder billig existieren für den Markttechniker aus Liechtenstein ebenso wenig wie gute oder schlechte Unternehmensnachrichten.

Stattdessen orientiert sich Cortés ausschließlich am Markt selbst - und an den Signalen, die dieser aussendet. Im Fall Enron beobachtete Cortés bereits im Verlauf des Jahres 2000, dass "zwischen dem damals noch steigenden Kurs und den bereits fallenden technischen Indikatoren wachsende Divergenzen auftreten". Seine Konsequenz Ende 2000: Verkauf wegen drohender Trendwende - ohne von dem Bilanz-Desaster wissen zu können, das gut ein Jahr später die Börsen erschüttern würde.

Vermögensverwalter Jens Ehrhardt: "Großanleger auf eingefahrenen Gleisen"

Banker halten ihn für einen Dauer-Pessimisten. Weit gefehlt. Jens Ehrhardt schaltete im Herbst 2001 um auf Kaufen, als den Entscheidern in etablierten Investmenthäusern noch der Schreck in den Gliedern steckte. Nach Kursgewinnen von mehr als 20 Prozent wurden auch sie wieder mutiger.

Für Vermögensverwalter Ehrhardt ein untrügliches Signal, wieder einen Gang zurückzuschalten. Denn einer seiner wichtigsten Indikatoren ist das Verhalten der anderen - um sich dann selbst auf die Gegenseite zu schlagen. "Zwar zeigen die Privatanleger immer mehr Zurückhaltung, was für künftig bessere Kursaussichten spräche", beobachtet Ehrhardt, "doch die institutionellen Großanleger sind schon wieder viel zu optimistisch." Deshalb bleibt der Münchener vorläufig skeptisch und setzt lieber auf Gesellschaften mit guter Bilanz und gesicherter Dividende - eine Strategie, die sich zuletzt als ausgesprochen erfolgreich erwies. Nur Aktien mit Substanz verdienen Vertrauen.

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