Börsenrat stimmt über neue Segmente „Prime Standard“ und „Domestic Standard“ ab
Anlegerlobby sorgt sich um Nebenwerte

Die Neuregelung des Aktienhandels stößt grundsätzlich auf große Zustimmung. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz fürchtet aber, dass der Domestic Standard zum "Bodensatz" verkommt. Die Börse müsse das Segment attraktiv gestalten - etwa durch Auswahlindizes.

pot/scc FRANKFURT/M. Die Neuordnung des Aktienhandels inklusive der Abschaffung des Neuen Marktes findet sowohl bei Fondsgesellschaften als auch bei den Unternehmen grundsätzlich Zustimmung. August-Wilhelm Scheer, Gründer des Neue-Markt-Unternehmens IDS Scheer, hofft, "dass sich am Aktienmarkt jetzt die Spreu vom Weizen trennt". Kritik gibt es allerdings an Details der Neuordnung.

Der Börsenrat der Frankfurter Wertpapierbörse (FWB), Deutschlands größter Börse, entscheidet morgen über die Neusegmentierung des Aktienmarktes. Zwei Segmente mit unterschiedlichen Transparenz-Vorschriften sind geplant: Im "Prime Standard" sollen hohe Anforderungen wie Quartalsberichte und Rechnungslegung nach internationalen Standards gelten. Ähnliche Regelungen gab es bisher im Neuen Markt, der im Zuge der Neuordnung wegfällt. Darunter wird es einen "Domestic Standard" geben, in dem nur die gesetzlichen Mindestanforderungen an die Emittenten gelten.

Vermutlich wird nur ein Teil der Neue-Markt-Firmen in den anspruchsvollen Prime-Markt wechseln. Kleinere Unternehmen mit finanziellen Problemen dürften den Domestic Standard bevorzugen, um die Ausgaben für Road-Shows und Quartalsberichte zu sparen. In die Börsenindizes kommen nur die Firmen aus dem Prime Standard. "Damit wird die Qualität der Indizes steigen", sagt Ralf Walter, Fondsmanager von Adig Investment.

Kritik gibt es freilich an Details. Nach Ansicht von Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) bedeutet der Prime Standard "in einigen Punkten einen Rückschritt gegenüber den Vorschriften am Neuen Markt". Beispielsweise verpflichte die Neuregelung im Börsengesetz nicht, dass bei einer Kapitalerhöhung im Rahmen eines Börsenganges mindestens 50 % des Emissionserlöses der Gesellschaft zufließen. Auch wird es wohl keine so genannte Lock-up-Frist mehr geben, also eine Veräußerungssperre nach einem Börsengang. Am Neuen Markt betrug diese sechs Monate. "Eine Lock-up-Frist muss unbedingt verpflichtend sein" sagt Hocker. Dabei sollte jedoch differenziert werden. "Für Management und Mitarbeiter muss diese Frist bei zwei Jahren liegen", schlägt er vor. Investmenthäuser oder Venture-Capital-Gesellschaften könnten früher aussteigen, da der Ausstieg nach dem Börsengang ein Teil ihres Geschäfts sei.

Die Börse sieht dagegen keinen Bedarf für Haltesperren. Schließlich seien die Unternehmen nach dem im Juli in Kraft getretenen 4. Finanzmarktförderungsgesetz verpflichtet, Lock-Up-Regelungen bekannt zu machen. Firmen, die ihre Haltefristen brechen, würden an der Börse mit geringeren Bewertungen abgestraft, sagt Börsenvorstand Volker Potthoff.

Ein weiterer Vorschlag Hockers geht dahin, dass einige Transparenzkriterien des Neuen Marktes wie ein gesonderter Abschnitt über die Risikofaktoren im Emissionsprospekt und der Bericht des Abschlussprüfers zum Quartalsbericht in die Börsenordnung aufgenommen werden. Außerdem müsse die Liquidität von kleineren Aktien durch so genannte Designated Sponsors garantiert werden. Bisher waren für die Werte des Neuen Marktes und des Smax zwei Sponsoren vorgeschrieben. Nun soll es von der Liquidität einer Aktie abhängen, ob überhaupt ein Designated Sponsor benötigt wird. "Unternehmen aus einem Index müssen mindestens einen Designated Sponsor haben", fordert dagegen Hocker.

Außerdem muss nach Meinung Hockers sicher gestellt werden, dass der Domestic Standard nicht zu einer Zockerbörse mit vielen Penny-Stocks verkommt. "Der Domestic Standard kann nicht das Segment für vernachlässigte deutsche Nebenwerte sein", sagt Hocker. Deshalb fordert er auch dort die Einführung von Indizes, um institutionelle Anleger zu gewinnen. Grundsätzlich ist die DSW mit der Neuordnung derart zu frieden, dass sie diese auch den Regionalbörsen zur Übernahme vorschlägt. "Eine Vereinheitlichung ist im Interesse des Finanzplatzes Deutschland", sagt Hocker.

Quelle: Handelsblatt

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