Börsenschwäche fördert Kooperationen
Biotech-Branche bleibt auf Kurs

Nach der Entzifferung des menschlichen Erbgutes soll die Biotech-Industrie bald das Gesundheitswesen revolutionieren. Auf der Messe Biotechnica warnen Experten allerdings dabei vor zu viel Euphorie. Derzeit fürchtet die Branche großen Schaden, falls die Börse als Kapitalgeber weiterhin ausfällt.

bef HANNOVER. Die Biotech-Industrie präsentiert sich auf der Weltmesse Biotechnica in Hannover erneut als Branche, der auf absehbare Zeit keine Wachstumsdelle droht. Zu viel gibt es noch zu entdecken und entwickeln für die jungen Biotechfirmen , die sich gierig auf neue Geschäfts- und Forschungsfelder stürzen. "Innovation kann nicht warten", so drückt dies Friedrich von Bohlen aus, Vorstandschef der Heidelberger Lion Bioscience AG.

Und doch bemühen sich Unternehmensvertreter und Politiker um mehr Realismus in der Frage, ob und wie die Biotech-Industrie das Gesundheitswesen in den nächsten Jahren revolutionieren kann. Das zeigte sich auf der Eröffnungsdiskussion der Biotechnica am Montag, an der 1 069 Aussteller aus 28 Ländern teilnehmen.

Entzifferung des Erbgutes löste Euphorie aus

Als im vergangenen Jahr die Entzifferung des menschlichen Erbgutes für abgeschlossen erklärt wurde, waren Euphorie und Faszination zunächst groß. Mit Hilfe der Ergebnisse aus der Genforschung sollten bisher unheilbare Krankheiten in naher Zukunft kuriert werden. Medikamente könnten schon bald auf jeden Menschen individuell zugeschnitten werden. Doch bis dahin ist es ein weiter Weg: "Solche Visionen sind wichtig, aber sie dürfen kein Versprechen sein, dass wir in fünf bis zehn Jahren bereits bestimmte Probleme lösen können", sagte gestern Wolf-Michael Catenhusen, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium.

Um eine nüchterne Erwartungshaltung bemühten sich in Hannover auch Vertreter der Unternehmen. "Wie werden auch in ein paar Jahrzehnten noch keine vollkommene individuelle Therapie für alle Krankheiten haben", sagte Andreas Barner, Forschungschef des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. In den nächsten Jahren werde es eher darum gehen, mit Hilfe von Daten aus der Genforschung die Möglichkeit von Nebenwirkungen neuer Medikamente besser zu erfassen.

Neue Schwerpunktthemen wie Bioinformatik

Dennoch hat die Entschlüsselung des Erbguts für die Biotechbranche ein neues Zeitalter eingeläutet - das unterstreichen auf der Biotechnica neue Schwerpunktthemen wie Bioinformatik oder die nun im Mittelpunkt stehende Erforschung der Genfunktionen. Nun soll die Arbeit für Biotechnikfirmen erst richtig losgehen: "Es gibt immer etwas Neues zu entdecken. Wir sind noch lange keine reife Industrie", sagte Lion-Chef von Bohlen.

Von Konjunkturschwäche spürt die Biotech-Branche wenig - nur in Einzelfällen klagen etwa Gerätehersteller über eine momentane Investitionszurückhaltung der Pharmaindustrie. Die meisten Firmen drückt der Schuh ganz woanders: Wegen der Zurückhaltung an der Börse bekommen sie derzeit kaum frisches Kapital. "Wenn der Kapitalmarkt lange verschlossen bleibt, wird das unserer Branche schaden" befürchtet von Bohlen. Lion selbst sei aber finanziell gesichert, betonte er.

Die Börsenschwäche treibt Fusionen und Übernahmen in der Branche voran. Um größer zu werden und sich die Risiken und Kosten der zeitaufwendigen Pharmaentwicklung zu teilen, schließen sich immer mehr Biotechnikunternehmen zusammen oder kooperieren - ein "gesunder Trend", wie Branchenvertreter auf der Messe zumeist finden.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%