Archiv
Börsianer suchen das Weite

Zu Börsenschluss haben die Broker in New York schnell das Weite gesucht. Jeden Freitag spielen sich an der New York Stock Exchange ähnliche Szenen ab. Um 16:00 Uhr am Nachmittag ertönt die Schlussglocke und das Haus in den Hamptons oder der Ehepartner und die Kinder in New Jersey warten auf das Wochenende.

Heute hatten es die Trader jedoch besonders eilig. Kein Wunder denn die Märkte wurden am Freitag erheblich belastet, so dass der Nachhauseweg eher wie eine Flucht wirkte. Im Tagesverlauf fiel der Dow Jones Index um 151 Punkte auf 10.240 Zähler. Der Nasdaq Composite tendierte rund drei Prozent schwächer als am Vortag.

Dass auch den Investmentbanken beim Blick auf die Aktienkurse so langsam die Lust vergeht, verdeutlicht die Performance des noblen Brokerhauses Merrill Lynch. Die Aktie ist am Freitag auf den tiefsten Stand seit 14 Monaten gefallen. Bei der Konkurrenz sah die Kursentwicklung zum Wochenabschluss nicht viel besser aus.

Ausgangspunkt der Misere war allerdings nicht Merrill Lynch. Gleich mehrere Unternehmen haben ihre Prognosen für den weiteren Jahresverlauf gesenkt. Während sich viele Börsianer in den letzten Monaten noch an den Strohhalm klammerten, dass der Turnaround der US-Konjunktur im dritten oder spätestens vierten Quartal erfolgen könnte, scheint dieser Traum nunmehr geplatzt zu sein. In der Computerbranche reden sowohl Michael Dell als auch Carly Fiorina, Firmenchefin von Hewlett-Packard, davon, dass vor 2002 nicht mit einer Besserung des Geschäftsumfelds zu rechnen ist.

Beide Computerhersteller hatten am Donnerstag nach Handelsschluss ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Auch wenn die Führungsriegen in der Beurteilung der Branche nicht weit voneinander abweichen, sind die nackten Zahlen doch unterschiedlich ausgefallen. Während Dell Computer die Prognosen für das laufende Quartal senkt, geht Hewlett-Packard zumindest von steigenden Umsatzzahlen für den eigenen Konzern aus. Die Aktie von Hewlett-Packard ging nahezu unverändert aus dem Handel. Die Dell-Papiere sind hingegen fast zehn Prozent abgestürzt.

Neben der Computerbranche gerieten auch Chip- und Softwarefirmen vor dem Wochenende unter Druck. Analog Devices senkte die Prognosen. Auch das Halbleiterunternehmen Broadcom verlor rund zehn Prozent an Wert. Das Brokerhaus Morgan Stanley Dean Witter äußerte sich besorgt über die Geschäftsbeziehungen von Broadcom und 3Com. Der Netzwerkkonzern hatte am Dienstag entschieden, eine Klage gegen Broadcom einzuleiten. Der Vorwurf: das Chipunternehmen habe fällige Lizenzgebühren nicht gezahlt.

Microsoft hatte von dem US-Berufungsgericht einen Schuss vor den Bug bekommen. Das Gericht hat entschieden, das Wettbewerbsverfahren gegen Microsoft in einer Woche an ein Schwurgericht weiter zu geben. Das ist eine herbe Niederlage für den Software-Konzern. Derzeit untersucht der Supreme Court, ob Microsoft das Recht auf ein Neuverfahren hat. Das Unternehmen hatte versucht, die Wiederaufnahme des Verfahrens bis zu einer Entscheidung des obersten Gerichtshofs zu blockieren.

Doch es waren nicht nur Unternehmen aus der Technologiebranche, die Investoren am Freitag auf ein weiterhin angespanntes Geschäftsumfeld vorbereiteten. Der Automobilkonzern Ford kündigte an, bis zu 5.000 Mitarbeiter zu entlassen. Das Management will mit der Maßnahme unter anderem steigende Kosten für Werbung auffangen. Im laufenden Geschäftsjahr wird der Stellenabbau jedoch dazu führen, dass die ursprünglichen Gewinnerwartungen deutlich verfehlt werden.

Nicht viel besser sah das Bild in der Bekleidungsbranche aus. The Gap hat Ergebnisse gemeldet. Auch hier der Tenor: In den nächsten Monaten ist kein Turnaround in Sicht. Die Einzelhandelskette Kohls konnte dagegen die Wall Street positiv überraschen. Die Aktie klettert um exakt drei Prozent.

Konjunkturdaten fanden in diesem Umfeld kaum Beachtung. Das Handelsbilanzdefizit ist geringer ausgefallen als erwartet. Auch Angaben über das Verbrauchervertrauen lagen leicht über den Schätzungen. Das war zumindest ein kleiner Lichtblick.
Am kommenden Dienstag wird die amerikanische Notenbank zu ihrer nächsten Sitzung zusammenkommen. Beim Blick auf die jüngsten Konjunkturdaten steht einer weiteren Zinssenkung nichts im Wege. Die große Frage lautet: Wie hoch wird diese ausfallen? Und wird Notenbankchef Alan Greenspan auch weiterhin einen Spielraum für Zinssenkungen einräumen? Neben der Notenbank wartet die Wall Street noch auf einige Nachzügler und ihre Quartalszahlen. Unter anderem stehen noch Zahlen aus der Einzelhandelsbranche aus. Weitere Unternehmen sind Medtronic, Intuit und VA Linux.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%